26.11.2012

Korruption und Sühne - Text für DIE ZEIT Nr 48/2012

 
Vor dem Prozess gegen Ex-Minister Ernst Strasser zeigt die Justiz frischen Elan bei Delikten im Umfeld der Politik. Der Richter Oliver Scheiber verlangt allerdings viel mehr Transparenz bei den Ermittlungen.
Einer der ehemals mächtigsten Minister der Regierung von Wolfgang Schüssel steht ab nächster Woche in Wien vor Gericht. Dem ehemaligen Innenminister und späteren Europaabgeordneten Ernst Strasser wird Bestechlichkeit vorgeworfen, nachdem er im März des vergangenen Jahres zwei britischen Undercoverreportern in die Falle gegangen war: Laut Anklage soll er vor einer versteckten Kamera seine Bereitschaft erklärt haben, gegen Honorar im Sinne mysteriöser Auftraggeber Gesetze zu beeinflussen. Der Prozess ist der vorläufige Höhepunkt im Kampf der Justiz gegen Korruption, der anscheinend Fahrt gewonnen hat. Demnächst schon wird sich auch der politiknahe Lobbyist Alfons Mensdorff-Pouilly im Zusammenhang mit Tätigkeiten im globalen Waffengeschäft vor Gericht verantworten müssen.

Zwei Monate nach den noch nicht rechtskräftigen Urteilen gegen den ehemaligen Kärntner ÖVP-Obmann Josef Martinz und den Steuerberater Dietrich Birnbacher, denen ein Millionenhonorar für ein fragwürdiges Gutachten zum Verhängnis wurde, glauben nun einige Medien, bei der Verfolgung von Delikten, in die Politiker verwickelt sind, sei eine Trendwende eingetreten. Selbst wenn der Leiter der Korruptionsstaatsanwaltschaft Walter Geyer angesichts der Fülle an Fällen einschränkt, dass »auch das, was wir jetzt sehen, nur die Spitze des Eisbergs« sei.

20.11.2012

Heinz Düx und Wilhelm Rösing am Bezirksgericht Meidling

Am 23.10.2012 fand am Bezirksgericht Meidling die österreichische Erstaufführung des Dokumentarfilms "Der Einzelkämpfer - Richter Heinz Düx" von Wilhelm Rösing statt. Rund 70 BesucherInnen, unter Ihnen Volksanwältin Terezija Stoisits und der Präsident des Verwaltungsgerichtshofs, Clemens Jabloner, waren zur Veranstaltung gekommen. Im Anschluss an den Film diskutierten Heinz Düx und Wilhelm Rösing  unter der Moderation von Christa Zöchling (profil) mit dem Publikum.

Am nächsten Morgen sahen rund 250 Wiener SchülerInnen den Film an der Volkshochschule Meidling. Heinz Düx und Wilhelm Rösing standen wieder für alle Fragen zur Verfügung. Ina Zwerger (ORF) moderierte. Der ORF berichtete in der Fernsehsendung Wien heute.

Dank gilt Christine Kainz für die fotografische Begleitung:

Eröffnung: Terezija Stoisits

Oliver Scheiber, Nicolette Wallmann




Terezija Stoisits, Heinz Düx, Wilhelm Rösing
  
Oliver Scheiber, Heinz Düx, Christa Zöchling,
Wilhelm Rösing, Nicolette Wallmann





17.11.2012

Im Dezember am Max Reinhardt Seminar: Josua Rösing inszeniert Die Brüder Karamasow

Josua Rösing hat letztes Jahr mit großem Erfolg Kafkas Verwandlung dramatisiert und am Bezirksgericht Meidling inszeniert. Im Dezember zeigt das Max Reinhardt Seminar Die Brüder Karamasow in der Regie von Josua Rösing:

Die Brüder Karamasow
nach Fjodor Michailowitsch Dostojewskij


Premiere 15. Dezember, 19.30 Uhr
weitere Vorstellungen 17. bis 19. Dezember, jew. 19.30 Uhr
Benefizvorstellung 20. Dezember 2012, 19:30 Uhr


Neue Studiobühne im Max Reinhardt Seminar

Regie                     Josua Rösing

Bühne                   Mira König

Kostüme               Mirjam Staengl

Dramaturgie         Friederike Römer

Es spielen:
Katharina Breier, Katharina Haudum, Valerie Pachner, Bastian Parpan, Sebastian Schmeck, Martin Schwanda, Lukas Wurm

Der Vater Karamasow hat sich um seine Söhne nie geschert, sie sind bei
unterschiedlichen Pflegeeltern aufgewachsen. Jetzt kehren sie zum Vater
zurück, der mit der Mitgift seiner verstorbenen Frau Unsummen gescheffelt
hat. Der Ältere, Dmitrij, ist pleite und fordert seinen Erbteil. Er und der
Vater buhlen zudem beide um die zauberhafte Gruschenka. Dabei ist Dmitrij
bereits mit Katja verlobt, in die sich Iwan, der zweite Sohn, verliebt. Im
Haus des Vaters lebt noch der Lakai Smerdjakow, dessen Mutter, eine
Stadtstreicherin, bei der Geburt gestorben ist. Und eine Nachbarin und
Weltbürgerin fragt sich: Wer kann von sich sagen, dass er glücklich ist?
Irgendwann wird der Vater ermordet.

Wie soll man leben?

Im Anschluss an die Vorstellung am 20. Dezember wird eine Podiumsdiskussion
mit dem Regisseur und den Schauspielern stattfinden.


Reservierung für die Vorstellungen am 17., 18. und 19. Dezember unter :
mrs@mdw.ac.at, siehe auch: maxreinhardtseminar.at
Verkauf & Reservierung für die Benefizvorstellung am 20. Dezember unter:
Karamasow.Wien@yahoo.de, oder : +43 650 29 30 183 (täglich 9 bis 11 Uhr)
(See attached file: Einladung.pdf)



08.11.2012

Manfred Maiwald, Einführung in das italienische Strafrecht und Strafprozessrecht - Rezension für das Journal für Strafrecht, Nr. 4/2012





Im zusammenwachsenden europäischen Rechtsraum gewinnen die Rechtsvergleichung und die Beschäftigung mit fremden Rechtssystemen zunehmend an Bedeutung. Manfred Maiwald ist emeritierter ordentlicher Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsvergleichung in Göttingen und hat bereits früher zum italienischen Recht publiziert. Nun bietet er eine Einführung in das italienische Strafrecht und Strafprozessrecht, die für die wissenschaftliche Befassung und die Strafrechtspraxis gleichermaßen geeignet ist. Teil 1 der Monografie behandelt das materielle Strafrecht, mit Schwerpunkt auf dem allgemeinen Teil des Strafgesetzbuches. Nach einem kurzen Abriss der Geschichte des italienischen Strafrechts werden die Grundprinzipien des italienischen Strafgesetzbuches, des Codice Rocco, sowie die Lehren zu Tatbeständen, Handlung, Erfolg, Kausalität, Zurechnung, Vorsatz, Fahrlässigkeit, Rechtfertigungsgründen und Versuch übersichtlich dargestellt. Dabei werden die verschiedenen wissenschaftlichen Theorien und Ansätze beschrieben, dies in einer sprachlich einfachen, stets leicht lesbaren Form – ein besonderer Vorzug der Publikation.


02.11.2012

Der neue Süden: Vendola und Crocetta

Lange hatte die Mafia Sizilien fest im Griff, lange gehörten Homosexualität und Kommunismus zu den großen Tabus im Süden Italiens. Die Wahl des 61-jährigen Rosario Crocetta zum neuen Regionalpräsidenten Siziliens diese Woche stellt all das auf den Kopf. Der 61-jährige ist einer der pronounciertesten Anti-Mafia-Kämpfer Italiens. Ein Attentat auf ihn durch einen litauischen Auftragskiller wurde in letzter Minute vereitelt. Crocetta gehörte früher den Kommunisten an, nun kandidierte er für den Partito Democratico. Der bisherige Abgeordnete zum Europäischen Parlament lebt offen schwul, agierte bereits als Bürgermeister der sizilianischen Mafiahochburg Gela aktionistisch und kompromisslos. Diese Linie scheint er als Regionalpräsident weiterzuverfolgen: Lucia Borsellino, Tochter des von der Mafia ermordeten Richters Paolo, soll in seinem Auftrag das teure Gesundheitssystem Siziliens von der Unterwanderung durch die Mafia befreien. 
 
Mit der Wahl Crocettas folgt Sizilien dem Beispiel Apuliens. Dort regiert bereits seit einigen Jahren der charismatische linke Denker Nichi Vendola, dessen Einfluss auf Republiksebene laufend zunimmt (kein Politiker in Österreich hat eine solche website!). Die Wahl Crocettas ist nicht nur ein Zeichen des Zornes der Bürger, sie ist auch Ausdruck der Kraft Süditaliens. Alte Strukturen brechen zusammen, die Mafia hat ihre frühere Akzeptanz in weiten Kreisen endgültig verloren. Den Anhängern des alten Sizilien bleibt ein einziger Trost: der Katholik Crocetta gilt als Marienverehrer.

Rosario Crocetta, Foto: © La Presse


 

28.10.2012

Was wir von Italien lernen können



Text für den falter, Ausgabe 43/2012

Was wir von Italien lernen können

Harte Strafen reichen nicht: Korruptionsbekämpfung muss dort ansetzen, wo es wirklich weh tut

Gastkommentar: Oliver Scheiber

Italien, Land der Mafia und Korruption – noch immer gilt hierzulande diese Assoziation. Dabei reichen zehn Finger gerade aus, um heimische Verdachtsfälle von Korruption und Wirtschaftskriminalität aufzuzählen: Eurofighter, Hypo, Constantia, BUWOG, Skylink, Kommunalkredit, MEL, Telekom, AKH, Terminal Tower. Das ist bloß eine Auswahl anhängiger Strafverfahren und dennoch, da sind sich die meisten Experten einig, nur die Spitze eines Eisbergs.

Österreichs Justiz wurde bei der Bekämpfung von Korruption und Wirtschaftskriminalität von der Politik lange im Regen stehen gelassen. Die Mahnungen internationaler Gremien schlug sie in den Wind, nötige Ressourcen fehlten. Seit einiger Zeit jedoch gewinnt die Strafjustiz wieder Boden unter den Füßen: durch Ermittlungserfolge und erste Anklagen. Von einer Trendwende schreiben die Medien. Dennoch ist die Öffentlichkeit zu Recht irritiert von vielen Verdächtigen, die vor einigen Jahren noch ohne erwähnenswertes Vermögen waren und nun die Ermittlungen der Justiz von Luxusvillen, Penthäusern, Yachten und Sportwägen aus beobachten.

25.10.2012

Heinz Düx im Interview

Heinz Düx befindet sich derzeit zu einem Besuch in Wien. Er trat Dienstag und Mittwoch dieser Woche bei zwei Veranstaltungen am Bezirksgericht Meidling und an der Volkshochschule Meidling auf und stieß auf großes Medieninteresse. ORF, Falter und Standard sprachn mit Heinz Düx. Der Standard bringt ein ausführliches, von Petra Stuiber und Peter Mayr geführtes Interview mit  Heinz Düx in seiner Ausgabe zum Nationalfeiertag.

Foto: http://www.fritz-bauer-institut.de

16.10.2012

Filmpräsentation: Der Einzelkämpfer – Zwei Veranstaltungen mit dem Untersuchungsrichter des Auschwitzprozesses Heinz Düx und dem Filmemacher Wilhelm Rösing


Die Direktorin der Volkshochschule Meidling Mag.a Nicolette Wallmann
und der Vorsteher des Bezirksgerichts Meidling Dr. Oliver Scheiber laden ein:

Der Auschwitzprozess:
Untersuchungsrichter Heinz Düx zu Gast in Wien

Filmpräsentation und Diskussion



Dienstag, 23. Oktober 2012, 18.30 Uhr
am Bezirksgericht Meidling

(1120 Wien, Schönbrunner Strasse 222-228, Stiege 3, 5. Obergeschoß - U4 Meidling Hauptstrasse, Ausgang Ruckergasse)



Mittwoch, 24. Oktober 2012, 9.00 Uhr
Volkshochschule Meidling-Campus Längenfeldgasse
(1120 Wien, Längenfeldgasse 13-15)



1963 begann in Deutschland der erste Prozess zu den Verbrechen, die im Vernichtungslager Auschwitz begangen worden waren. Zum Zustandekommen dieses Prozesses hat der Untersuchungsrichter Heinz Düx wesentlich beigetragen, indem er im Ermittlungsverfahren durch genaue Vernehmungen die Struktur des Konzentrationslagers und den verbrecherischen Charakter der NS-Herrschaft offen gelegt hatte. In späteren Jahren setzte sich Heinz Düx als vorsitzender Richter eines Zivilgerichts für die Wiedergutmachungs- und Entschädigungs­ansprüche von Verfolgten des NS-Regimes ein.
In der mehrheitlich in den Nationalsozialismus verstrickten Richterschaft war und blieb Heinz Düx freilich ein Außenseiter. Der Dokumentarfilmer Wilhelm Rösing hat in seinem neuesten Werk die außergewöhnliche Richterpersönlichkeit Heinz Düx in ihren Facetten dargestellt.

Zur Präsentation des Films kommen Wilhelm Rösing und Heinz Düx nach Wien und stehen im Anschluss an die Filmaufführung für die Publikumsdiskussion zur Verfügung.


1.) Dienstag, 23. Oktober 2012, 18.30 Uhr
am Bezirksgericht Meidling

Filmpräsentation: Der Einzelkämpfer – Richter Heinz Düx
 (Ein Film von Wilhelm Rösing; 2011, 79 min.)

Eröffnung: Mag.a Terezija Stoisits, Volksanwältin

Podiumsdiskussion:

Heinz Düx, Untersuchungsrichter im deutschen Auschwitzprozess
Wilhelm Rösing, Regisseur, Dokumentarfilmer

Moderation: Christa Zöchling, profil

Anmeldung erforderlich: vorstand.meidling@justiz.gv.at od. tel 01-8158020232


2.) Mittwoch, 24. Oktober 2012, 9.00 Uhr
Volkshochschule Meidling-Campus Längenfeldgasse


Filmpräsentation: Der Einzelkämpfer – Richter Heinz Düx
 (Ein Film von Wilhelm Rösing; 2011, 79 min.)

Podiumsdiskussion:
Heinz Düx, Untersuchungsrichter im deutschen Auschwitzprozess
Wilhelm Rösing, Regisseur, Dokumentarfilmer

Moderation: Ina Zwerger (ORF)


Veranstalter: Die Wiener Volkshochschulen GmbH und der Vorsteher des Bezirksgerichts Meidling.
Wir danken der Bezirksvertretung Meidling für die Unterstützung.
 

12.10.2012

Friedensnobelpreis für die Europäische Union

Bald 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerät bei den Menschen in Vergessenheit, was am Anfang der Europäischen Idee stand: die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, die Sicherung eines dauerhaften Friedens. Umfragen zeigen, dass etwa in Österreich nur mehr wenige Menschen den Friedensgedanken mit der Europäischen Union verbinden. Und doch ist die gelungene Friedenssicherung, der Abbau der Grenzen zwischen Ländern und in den Köpfen, die Schaffung einer gemeinsamen Identität die historische Leistung der Union, ihrer Gründerväter und ihrer Entwickler. 

Die heutige Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union ist daher ein wichtiges Signal zum richtigen Zeitpunkt. Die Kritiker Europas und der Preisverleihung vergessen, dass die Alternative zur Union die Rückkehr zum Nationalismus und zu Spannungen und Kriegen wäre. Man denke nur an die Balkanstaaten: ihre einzige (Friedens)Perspektive ist der Eintritt in das gemeinsame Europa.

Die Union ist aber nicht nur Friedens-, sondern auch Demokratie- und Zivilisationsprojekt. Ja, die Demokratisierung der Organe der Union muss weitergehen. Bereits jetzt ist das Europäische Parlament jedoch beispielgebend was das Selbstbewusstsein und die Unabhängigkeit seiner Abgeordneten und die Qualität seines Rechtsdienstes betrifft. Die Union geht den Mitgliedstaaten bei der Einbindung der Zivilgesellschaft in die politische Diskussion voran. Die Legislativprozesse der Union erfolgen unter breiter Einbindung beteiligter Interessensgruppen und der Wissenschaft. Die eben beschlossene neue Opferschutzrichtlinie ist da nur ein Beispiel unter vielen Hunderten. Österreich kann durchaus zufrieden sein: mit Franz Fischler, Johannes Voggenhuber, Otmar Karas und Hannes Swoboda hat es in den letzten zwei Jahrzehnten gleich mehrere Personen nach Brüssel entsandt, deren Stimme dort Gewicht hat. 


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08.10.2012

Catania

Die Bekanntheit Catanias, der zweitgrößten Stadt Siziliens, bleibt hinter der Schönheit der Stadt zurück. Die prunkvollen Plätze und Paläste der Stadt in Verbindung mit der Offenheit und Anmut der Einwohner machen Catania zu einer der angenehmsten Städte Europas. Die Piazza del Duomo ist schlicht überwältigend, die Piazza Mazzini, die Piazza Bellini und die Via Etnea hinterlassen ebenfalls Eindruck. Über das ganze Stadtgebiet verteilt findet man elegante Cafés und Bars mit einer Auswahl exquisiter Getränke und Süßspeisen. Die Lebendigkeit der Stadt vermittelt trotz der Randlage in Europa Weltoffenheit. Am schönsten wohnt der Gast im Herzen der Stadt, direkt am Domplatz im Hotel Centrale Europa etwa, oder am Teatro Bellini in einer der geschmackvoll ausgebauten Wohnungen von Peppino Art & B. Wer ein unverfälschtes Italien erleben möchte, wird im Ristorante Il Borgo di Federico im Schatten des behutsam restaurierten Castello Ursino sein Glück finden und sich für die Ausflüge in die nicht minder wundersame Umgebung der Stadt stärken - auf den Ätna etwa oder zum Lido dei Ciclopi






04.10.2012

Franz Vranitzky 75

Franz Vranitzky, österreichischer Bundeskanzler von 1986 bis 1997, feiert heute seinen 75. Geburtstag. Vranitzky löste 1986 die Koalition mit der FPÖ, als Jörg Haider zum freiheitlichen Parteichef gewählt wurde. In den folgenden Jahren führte er das Land gemeinsam mit seinem Vizekanzler Erhard Busek in die Europäische Union. Als erster (!) österreichischer Regierungschef reiste er 1993 nach Israel und brach dort mit der Opferthese Österreichs. Der sensible Umgang mit der Vergangenheit Österreichs, die kompromisslose Abgrenzung zur extremen Rechten und die Europäisierung des Landes sind Vranitzkys bleibende Verdienste. Vranitzky war der bisher letzte Staatsmann im Bundeskanzleramt; 1995 erhielt er den Internationalen Karlspreis, die höchste politische Auszeichnung Mitteleuropas.  

Am 10. Juni 1993 sprach Franz Vranitzky vor der Hebräischen Universität von Jerusalem unter anderem die folgenden Worte:

... Es gab jene, die mutig genug waren, dem Wahnsinn aktiv Widerstand zu leisten oder versuchten, den Opfern zu helfen und dabei ihr eigenes Leben riskierten. Aber viel mehr gliederten sich in die Nazi-Maschinerie ein, einige stiegen in ihr auf und gehörten zu den brutalsten und scheußlichsten Übeltätern.
Wir müssen mit dieser Seite unserer Geschichte leben, mit unserem Anteil an der Verantwortung für das Leid, das nicht von Österreich – der Staat existierte nicht mehr –, sondern von einigen seiner Bürger anderen Menschen und der Menschheit zugefügt wurde. Wir haben immer empfunden und empfinden noch immer, dass der Begriff "Kollektivschuld" auf Österreich nicht anzuwenden ist. Aber wir anerkennen kollektive Verantwortung, Verantwortung für jeden von uns, sich zu erinnern und Gerechtigkeit zu suchen.
Wir teilen die moralische Verantwortung, weil viele Österreicher den Anschluss begrüßten, das Naziregime unterstützten und bei seinem Funktionieren halfen. Wir dürfen jene nicht vergessen, die unaussprechliche Schicksale erlitten, wir dürfen jene nicht vergessen, die dieses Leiden verursachten, und wir dürfen jene nicht vergessen, die Widerstand leisteten.
Wir bekennen uns zu allem, was in unserer Geschichte geschehen ist und zu den guten und schlechten Taten aller Österreicher. So wie wir für unsere guten Taten Kredit fordern, müssen wir für unsere schlechten um Verzeihung bitten –  um die Verzeihung jener, die überlebt haben, und um die Verzeihung der Nachfahren der Opfer. ...

Foto: Manfred Werner
http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Tsui

Cooperativa Prospettiva: Communità mit Kino

Als Communità werden in Italien Wohngemeinschaften für Jugendliche bezeichnet, die im wesentlichen zwei Funktionen erfüllen: zum einen nehmen sie Jugendliche auf, die auf Grund verschiedenster Umstände ihre Familien verlassen haben oder vom Gericht aus ihrem Familienverband gelöst wurden (etwa bei familiärer Gewalt oder nach sexuellem Missbrauch). Zum anderen bilden die Communità im Jugendstrafverfahren eine Alternative zur Haft. Anstatt über einen Jugendlichen die Untersuchungs- oder Strafhaft zu verhängen, kann das Jugendgericht mit Zustimmung der Jugendlichen die Einweisung in eine Communità anordnen.

Die Cooperativa Prospettiva ist ein Beispiel einer solchen Communità. Die Cooperative liegt am Stadtrand von Catania, im eingemeindeten Viertel von San Giovanni Galermo; dort, wo Catania sich an den Ätna anlehnt und die schöne Straße auf den Vulkan ihren Anfang nimmt. Seit 30 Jahren finden Jugendliche in der Cooperativa Rückhalt und Begleitung. Derzeit wohnen hier 12 Jugendliche. Viele haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen versuchen, den Jugendlichen eine Brücke in die Zukunft zu bauen. Schon vor Jahren hat die Einrichtung ihre Infrastruktur - Werkstätten, Sportplatz, Kinderraum, Open-Air-Kino - für die Bevölkerung des umliegenden Wohngebiets geöffnet; das erklärt die hohe Akzeptanz der Einrichtung in der Umgebung.



01.10.2012

Lido dei Ciclopi: neue Antimafia-Strategien im Schatten des Ätna

Die Liste der ermordeten italienischen Richter und Staatsanwälte ist lang. 20 Jahre ist es her, dass der Richter und Staatsanwalt Giovanni Falcone von der Mafia getötet wurde. Seine Ermordung bedeutete einen Wendepunkt: die Mafia verlor endgültig jeden Rückhalt in der Bevölkerung. Das organisierte Verbrechen existiert weiter - Catania ist eine seiner Hochburgen.

Im Justizpalast von Catania hängen viele Bilder von Giovanni Falcone. Für die im Justizpalast untergebrachte  Staatsanwaltschaft von Catania arbeiten rund 45 Staatsanwältinnen und Staatsanwälte. Giovanni Salvi leitet die sechstgrößte Staatsanwaltschaft Italiens. Die Direzione Distrettuale Antimafia ist Teil der Staatsanwaltschaft, 11 Staatsanwältinnen und Staatsanwälte widmen sich ausschließlich dem Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. Alle stehen sie unter Personenschutz, 24 Stunden am Tag. Immer arbeiten sie im Team von drei oder vier Personen, um das Wissen zu teilen und Anschläge für die Mafia weniger attraktiv zu machen.

Wie auch im restlichen Italien hat in der Staatsanwlatschaft Catania vor Jahren ein Umdenken eingesetzt. Nach wie vor versucht man die Paten und ihre Handlanger vor Gericht und hinter Gitter zu bringen. Monat für Monat finden in besonders gesicherten Verhandlungssälen in einem Spezialbau - genannt Aula Bunker - an der Peripherie Catanias, rund 5 km vom Justizpalast entfernt, solche Prozesse statt. Doch die Cosa Nostra ersetzt die in Haft gewanderten Mitglieder umgehend, sie wird durch Verhaftungen kaum einmal nachhaltig geschwächt. Italiens Justiz setzt daher beim Abschöpfen kriminellen Vermögens an. Monat für Monat beschlagnahmt allein die Justiz in Catania Konten, Autos, Häuser, Firmen, Unternehmen, vom Restaurant bis zum Badestrand. Das Gesetz erleichtert das: sobald die Staatsanwaltschaft den Verdacht hegt, dass Vermögen aus krimineller Aktivität stammt, tritt eine Beweislastumkehr ein: der Eigentümer muss belegen, dass das Vermögen aus legalen Quellen herrührt. Kann er das nicht, spricht das Gericht die Beschlagnahme aus. Und die Italienische Republik ist bestrebt, dieses sichergestellte Vermögen gemeinnützig zu verwenden; eine eigene Agentur des Justizministeriums ist mit der Verwaltung und Verwertung des beschlagnahmten Vermögens befasst. Ein Beispiel dafür bildet der Lido dei Ciclopi in Acitrezza, eine der schönsten und renommiertesten Badeanlagen Siziliens. Vor und 15 Jahren aus dem Vermögen der Cosa Nostra heraus beschlagnahmt, wird die Badeanlage seither von einem vom Staat eingesetzten Pächter geleitet. Dieser Pächter hat die Tradition der langen Öffnungszeiten beibehalten - bis Ende Oktober hält die mit Pflanzen aus Afrika gestaltete Badeanlage offen. Vor einigen Jahren wurde zudem eine Kulturveranstaltung ins Leben gerufen: eine rein weiblich besetzte Jury vergibt jedes Jahr einen Preis, den Premio Ninfa Galatea an eine Künstlerin. Dort, wo der antiken Sage nach Odysseus eines seiner Abenteuer bestand, bildet der Lido ein Symbol der Erfolge der Justiz im Kampf gegen die Mafia. Die Gesellschaft holt sich das ihr geraubte Vermögen zurück.



Aula Bunker mit vergitterten Räumen für die Angeklagten

Lido dei Ciclopi

Lido dei Ciclopi


Bar am Lido dei Ciclopi

27.09.2012

Jugendgerichtsbarkeit: Vorbild Italien

2003 wurde der Wiener Jugendgerichtshof von der ÖVP-FPÖ-Regierungskoalition geschlossen. Der Wiener Jugendgerichtsbarkeit wurde damit eine Wunde geschlagen, die bis heute nicht verheilt ist. Längst wäre es an der Zeit, die Jugendgerichtsbarkeit nicht nur in Wien, sondern in Österreich auf neue Beine zu stellen.

Wie moderne Jugendgerichtsbarkeit aussehen kann, zeigt die italienische Justiz. Etwa das Jugendgericht von Catania (Tribunale per i Minorenni di Catania) in Sizilien: zehn BerufsrichterInnen arbeiten hier, unterstützt von 36 ehrenamtlichen RichterInnen (giudici onorari), die aus verschiedenen Berufen stammen und befristet als RichterInnen arbeiten: KinderpsychiaterInnen, PsychologInnen, PsychoanalytikerInnen, Politikwissen- schaftlerInnen. Das Gericht ist nicht nur für Strafverfahren gegen Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren zuständig, sondern auch...

Jugendgericht von Catania

Samia Yusuf Omar: der stille Tod im Mittelmeer

Der Tod der jungen somalischen Olympiasportlerin Samia Yusuf Omar hat auf das Schicksal der vielen Flüchtlinge aufmerksam gemacht, die versuchen, von der afrikanischen Küste aus nach Italien zu gelangen. Samia Yusuf Omar kam Anfang April dieses Jahres bei einem Schiffbruch nahe Malta ums Leben. Sie versuchte, nach Europa zu gelangen, um an den Olympischen Spielen in London teilnehmen zu können. Teresa Krug hat Samia Yusuf Omar einen berührenden Nachruf geschrieben, der in deutscher Übersetzung in Ausgabe Nr. 36/2012 der ZEIT erschienen ist.



Der Umgang der Europäischen Union mit den Flüchtlingen schwankt zwischen Ratlosigkeit und Kälte und trägt am Tod von tausenden Flüchtlingen jedes Jahr Mitschuld. Italienische Richter berichten über befremdliche Methoden der überforderten Behörden Maltas: afrikanische Flüchtinge würden vor Malta mit neuen Booten und Benzin versorgt und Richtung Italien weitergeschickt. Boote der italienischen Küstenwache kreuzen weit vor der Küste und retten dort, wenn man den Berichten sizilianischer Beamter glauben darf, vielen erschöpften Flüchtlingen das Leben.

Die Flüchtlinge, die überleben und es bis Italien schaffen, landen zumeist auf der Sizlien vorgelagerten kleinen Insel Lampedusa oder direkt an der Südküste Siziliens, so nicht selten in der Region des Küstenorts Pozzallo. Die italienischen Behörden hier sind um einen respektvollen Umgang mit den Flüchtlingen bemüht. Minderjährige Flüchtlinge, die ohne ihre Eltern ankommen, erhalten vom nahegelegenen Gericht in Modica umgehend einen Vertreter beigestellt, zumeist einen Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin. So ist eine fachlich kompetente Vertretung im Verfahren um Asyl oder um die Aufenthaltsgenehmigung gewährleistet. Untergebracht werden die Jugendlichen nach Möglichkeit in Wohngemeinschaften gemeinsam mit italienischen Jugendlichen.

Strand von Pozzallo




08.09.2012

Finanzkrise killt Sprachkurse: Petition für das Italienische Kulturinstitut in Wien

Verschiedene aktuelle Meldungen: die USA sind deutlich schlimmer verschuldet als Europa; der Schuldenlevel der USA ist mit jenem Griechenlands vergleichbar. In Österreich meldet die Hypo Alpe Adria einen neuen Finanzbedarf von 2,2 Milliarden Euro an. Italien, das entgegen der landläufigen Meinung Nettozahler in der EU ist, kürzt auf Grund des Spardrucks seine Kulturausgaben massiv. Die Kürzungen erreichen nun auch Wien: das Italienische Kulturinstitut, einer der zauberhaften Orte der Stadt mit exzellentem Veranstaltungs- und Kursprogramm, musste alle Sprachkurse einstellen.

Wie diese Meldungen zusammenhängen? Sie zeigen, dass die vermeintliche Finanz- und Schuldenkrise auf irrationale Annahmen und Handlungen zurückgeht, dass Spekulanten und Banken längst die Politik bestimmen. Dass mit so genannten Bankenhilfen Spekulation und Wirtschaftskriminalität prolongiert werden; also mit Geld, das gleichzeitig für Bildung, Justiz, Sozialleistungen und Kinderbetreuung fehlt. Dass die herbeigeredete Krise zum Kulturabbau genutzt wird. Dagegen gilt es im Großen und im Kleinen anzukämpfen; im Kleinen etwa mit einer Petition, die die Wiedereinsetzung der Sprachkurse am Italienischen Kulturinstitut in Wien fordert.

Unterschreiben unter:
http://www.gopetition.com/petitions/wien-braucht-sein-italienisches-kulturinstitut.html


Italienisches Kulturinstitut im Palais Sternberg
© IIC Vienna

05.09.2012

Mehr Darbo, bitte!

In den 1970er-Jahren mussten, wie erst nun zutage kam, Tiroler Heimkinder offenbar ohne Lohn in diversen Unternehmen arbeiten, unter anderem im Werk der Fa. Darbo. Nun hätte es sich das Unternehmen leicht machen und sagen können: wir haben die Löhne damals an die Heimbetreiber bezahlt und werden sie nun nicht ein zweites Mal überweisen. Doch die jungen Geschäftsführer des Familienbetriebs Darbo reagierten überraschend. Sie besuchten eines der ehemailigen Heimkinder und sagten umgehend zu, allen Betroffenen die Löhne nachzuzahlen, dies angepasst an das heutige Lohnniveau.
Ein Beispiel der Verantwortungsübernahme, das Schule machen sollte.

Foto: Stefan Veigl / Salzburger Nachrichten

02.09.2012

Richter Heinz Düx kommt nach Wien

1963 begann in Deutschland der erste Prozess zu den Verbrechen, die im Vernichtungslager Auschwitz begangen worden waren. Zum Zustandekommen dieses Prozesses hat der Untersuchungsrichter Heinz Düx wesentlich beigetragen, indem er im Ermittlungsverfahren durch genaue Vernehmungen die Struktur des Konzentrationslagers und den verbrecherischen Charakter der NS-Herrschaft offen gelegt hatte. In späteren Jahren setzte sich Heinz Düx als vorsitzender Richter eines Zivilgerichts für die Wiedergutmachungs- und Entschädigungs­ansprüche von Verfolgten des NS-Regimes ein.
In der mehrheitlich in den Nationalsozialismus verstrickten Richterschaft war und blieb Heinz Düx freilich ein Außenseiter. Der Dokumentarfilmer Wilhelm Rösing hat in seinem neuesten Werk die außergewöhnliche Richterpersönlichkeit Heinz Düx in ihren Facetten dargestellt.



Zur Präsentation des Films kommen Wilhelm Rösing und Heinz Düx zu zwei Veranstaltungen nach Wien.

24.08.2012

Gefängnisse in der visionslosen Gesellschaft

Die 1970er-Jahre waren in Österreich eine Zeit großer Reformen. Der langjährige Justizminister Christian Broda - sein Todestag jährte sich diesen Februar zum 25. Mal - machte die Humanisierung des Gefängnisalltags zu einem seiner Arbeitsschwerpunkte. Der Gedanke der Resozialisierung der Häftlinge gewann an Bedeutung. Der Umgang mit Verurteilten fand erstmals den Weg in die öffentliche Diskussion. 

Die Zeiten grundsätzlichen Nachdenkens sind lange vorbei. Brodas Vision einer gefängnislosen Gesellschaft hat sich ins Gegenteil verkehrt: die heutige Gesellschaft hat vom Strafvollzug weder ein realistisches Bild noch Visionen. Die Politik hat die Beschäftigung mit dem Strafvollzug längst aufgegeben, nicht ohne zuvor den Gefängnissen den irreführend harmlosen Titel "Justizanstalt" zu verpassen. Nicht einmal juristische Zeitschriften - das kleinere Journal für Strafrecht ausgenommen - beachten den quantitativ bedeutendsten Bereich des Justizapparats (zwischen 8000 und 9000 Personen befinden sich laufend in Österreichs Gefängnissen). Umso wichtiger sind da Grundsatzartikel über den Strafvollzug wie zuletzt in der deutschen ZEIT. Viel des dort Geschriebenen hat Gültigkeit auch für Österreich.

Bild: (c) REUTERS (REGIS DUVIGNAU)

 

06.08.2012

Regelverstöße in Kärnten, die kein Kavaliersdelikt sind

Kommentar der Anderen für den STANDARD, Printausgabe vom 6.8.2012

FPK-Abgeordnete, die der Sondersitzung des Kärntner Landtages fernbleiben, und der Rauswurf eines Fotojournalisten aus einer Pressekonferenz offenbaren ein gebrochenes Verhältnis zur Demokratie

Im Kärntner Landtag fand am vergangenen Freitag eine Sondersitzung statt. Alle Abgeordneten der FPK, also jener Partei, die den Landeshauptmann stellt, fehlten - mit Ausnahme des Landtagspräsidenten. Ein solches Verhalten von Abgeordneten ist nichts anderes als eine Verhöhnung des parlamentarischen Systems und der Bevölkerung.
In diesem Fall muss man jeden einzelnen Abgeordneten in die Pflicht nehmen: jeder einzelne hat einen Eid auf die Verfassung abgelegt und bezieht ein angesichts der bescheidenen Landeskompetenzen großzügiges Entgelt für die Abgeordnetentätigkeit.
Die Rechtslage ist unmissverständlich: gemäß Paragraf 6 des maßgeblichen Landesgesetzes (Geschäftsordnung des Kärntner Landtages) ist jedes Mitglied des Landtages verpflichtet, an den Sitzungen des Landtages teilzunehmen. Ein Fernbleiben ohne hinreichenden Entschuldigungsgrund ist daher schlicht rechtswidrig.
Wenn Landtagspräsident Lobnig in der Sitzung mitteilte, "dass Landeshauptmann Gerhard Dörfler, die Landesräte Harald Dobernig sowie alle Abgeordneten der FPK-Fraktion entschuldigt sind", so wäre schon der genaue Hinderungsgrund zu hinterfragen. Es werden wohl nicht alle Abgeordneten gleichzeitig erkrankt oder durch besondere berufliche oder private Umstände verhindert gewesen sein. Eine parallel angesetzte Parteisitzung kann wohl kein tauglicher Entschuldigungsgrund im Sinne des Gesetzes sein.
Das Verhalten ihrer Abgeordneten offenbart ein gebrochenes Verhältnis der FPK zu parlamentarischer Arbeit und Demokratie. Dabei spiegelt es eine in der gesamten Gesellschaft verbreitete Mentalität wider: Wie anders ist es zu erklären, dass letzte Woche eine Pressekonferenz von Landeshauptmannstellvertreter Uwe Scheuch normal weiterlief, nachdem Scheuch den APA-Fotografen Gert Eggenberger aufgefordert hatte, den Raum zu verlassen - Scheuch gefallen Eggenbergers Fotos nicht. Wäre es nicht eine Selbstverständlichkeit an Solidarität und Zivilcourage, dass die anderen Medienvertreter gemeinsam mit Eggenberger die Pressekonferenz verlassen?
Wie kann es sein, dass in einem freien Land alle bei der ständigen Herabsetzung der gesellschaftlichen Umgangsformen mitmachen?
Bei Antritt der schwarz-blauen Bundesregierung gab es genug kritische Journalisten (und es gab monatelang Umzüge von Demonstranten), die vor nunmehr bereits zwölf Jahren vor einer gefährlichen Entwicklung warnten. Nun steht Kärnten, aber auch Österreich vor dem vorhergesagten Scherbenhaufen, den eine Gruppe korrupter und machtberauschter Politiker angerichtet hat. Dennoch gibt es Anlass zu Optimismus: Zu groß war die Gier und Frechheit dieser Gruppe, die jetzt den bevorstehenden Sturz und die strafrechtliche Aufarbeitung ahnt und in ihren letzten Zuckungen um sich schlägt. (Oliver Scheiber, DER STANDARD, 6.8.2012) 


  • Artikelbild
    foto: apa/eggenberger
    Leere Abgeordnetenplätze, Platzverweis für unliebsame Journalisten: die ständige Herabsetzung demokratischer Werte.

01.08.2012

Let`s play domino: Dietrich Birnbachers Kick-back-Geständnis

Der Villacher Steuerberater Dietrich Birnbacher hat vor einigen Tagen vor einem Klagenfurter Strafgericht ein Geständnis abgelegt. Ein ihm von Politikerns zugesichertes, absurd überhöhtes Gutachtenshonorar habe dazu gedient, Rückflüsse an ÖVP und FPK zu finanzieren, also verdeckte Parteienfinanzierung zu organisieren. Der Inhalt des Geständnisses hat wohl kaum jemanden überrascht. Jedem auch nur flüchtigen Medienkonsumenten war längst klar geworden, dass solche Kick-back-Modelle bei Unternehmensverkäufen und Privatisierungen in Österreich - insbesondere zu Zeiten und an Orten einer FP-Regierungsbeteiligung - zum selbstverständlichen Vertragsbestandteil geworden sind. Die Namen der Verdächtigen in den diversen laufenden Ermittlungsverfahren sind immer dieselben.

Dietrich Birnbacher hat als einer der ersten Verdächtigen die prozesstaktischen Vorteile eines Geständnisses erkannt. Immerhin sehen die Strafgesetze für Aussteiger aus kriminellen Machenschaften eine Reihe von Vergünstigungen vor, von Kronzeugenregelungen bis zu Milderungsgründen bei der Straffestsetzung. Birnbachers Vorbild könnte zu einem Dominoeffekt führen: viel spricht dafür, dass es das Kartenhaus der ausgeuferten Korruption zum Einsturz bringt und Österreich in ein bis zwei Jahren auf eine ganze Reihe verurteilter Politiker und Wirtschaftsbosse blicken wird. Reinigend wäre das allemal.

 

29.07.2012

Die Zeit der Geschichtslosen: von Philipp Rösler zum Urteil von Köln

Die Zeit der Verdrängung der NS-Vergangenheit in Deutschland und Österreich geht zu Ende. An die Stelle der Leugner, Verdränger und Verharmloser treten nun all zu oft Vertreter einer neuen Geschichtslosigkeit. Entscheidungsträger, denen das Wissen und Bewusstsein über historische Entwicklungen und die Wirkung von Symbolen fehlen. Diese Form der mangelnden Bildung durchzieht alle Bereiche. In der Politik finden wir sie vor allem bei ehrgeizigen Aufsteigern. In Österreich bei jungen Nationalratsabgeordneten aller Fraktionen, die einen Vertreter der extremen Rechten ins Nationalratspräsidium wählen. In Deutschland gerne bei der FDP, gut repräsentiert durch Außenminister Westerwelle und durch den neuen (man darf wohl schon sagen: Übergangspartei-) Vorsitzenden Philipp Rösler. Nur mit Unkenntnis der Geschichte und Negierung der Bedeutung des gemeinsamen Europa als Friedensprojekt lässt sich erklären, dass einer wie Rösler so plump zur Lage in Griechenland schwadroniert.

Foto: http://www.neuepresse.de/
Ähnlich auch in der Justiz: das Urteil des Landgerichts Köln zur Beschneidung von Kindern wird zwar in seiner Bedeutung überschätzt - es ist eine Entscheidung einer unteren Instanz, von einem Höchstgericht nicht überprüft. Doch es ist repräsentativ für einen unpolitischen, Geschichte ausblendenen Zugang (treffend dazu zuletzt Sibylle Hamann in der PRESSE am 4.7.2012), dessen Gefährlichkeit nicht unterschätzt werden sollte. Das erstaunlich knappe Urteil wägt zwar Grundrechte (körperliche Unversehrtheit, Religionsfreiheit etc) kurz ab, doch es reflektiert die Folgen und die Symbolik der Entscheidung mit keinem Satz. Man kann und sollte sich eine weitere Säkularisierung Europas wünschen, die vielen archaischen Dummheiten und Botschaften aller Religionen haben sich längst überlebt. Und dennoch: es ist eine Angst machende Unsensibilität und Blindheit, wenn gerade ein deutsches Gericht eine einzelne religiöse Handlung herausgreift, die neben den Angehörigen des Islam auch die jüdische Religionsgemeinschaft massiv betrifft. Eine solche Entscheidung erfordert die ausführliche Auseinandersetzung - auch innerhalb des Urteils - mit der Frage, ob ein solcher Eingriff im Lichte der Verantwortung Deutschlands (und auch Österreichs) für den Holocaust möglich ist. Die Antwort wird wohl lauten müssen: nein, derzeit noch nicht. Ganz sicher aber nicht als Einzelentscheidung; wenn, dann kann ein solcher - grundsätzlich positiver - Paradigmenwechsel zur Stärkung der Rechte von Kindern und Jugendlicher gegenüber der Macht der Religionen nur breit angelegt erfolgen, die vielen verschiedenen Eingriffe aller Religionen umfassend. Die reduzierte Begründung ist der wesentliche Mangel des Kölner Urteils. Das mögen die Richter gespürt haben: sie stellen zwar die Rechtswidrigkeit der Beschneidung fest, gelangen aber doch zu einem Freispruch. Juristisch wird das durch den Kunstgriff eines Verbotsirrtums möglich; eine Rechtsfigur, die sonst kaum Anwendung finder.

16.07.2012

Projekt des ibc mit dem Bezirksgericht Meidling gewinnt den HAK Award 2012

Die Schülerinnen und Schüler der Wiener Handelsakademien haben in ihrem Abschlussjahr größere Projektarbeiten durchzuführen, die sich über das gesamte letzte Schuljahr erstrecken. Jede Wiener Handelsakademie reicht einige Projektarbeiten bei einem wienweiten Wettbewerb ein. 2012 ging der 1. Preis, der Wiener HAK Award, an die Schüler der Handelsakademie ibc aus Hetzendorf, Clemens Hauffe, Fabian Fürnkranz und Bajram Sadiku. Die Schüler hatten das Bezirksgericht Meidling als Kooperationspartner gewählt und u.a. Umfragen unter MitarbeiterInnen und Parteien des Gerichts durchgeführt und analysiert sowie einen Informationstag zur österreichischen Justiz für alle SchülerInnen der Maturaklassen an ihrer Schule organisiert. Die Ehrung des erfolgreichen Teams und ihrer Professorinnen erfolgte am 22. Mai 2012 in feierlichem Rahmen. 

Quelle: www.ibc.ac.at

05.07.2012

Impressionen vom Zeitzeugengespräch mit Gert Hoffmann

Am 14. Juni 2012, wenige Tage nach Vollendung seines 95. Geburtstags, ist Gert Hoffmann zu einem Zeitzeugengespräch an die Wiener Handelsakademie ibc gekommen. Mehr als 100 Schülerinnen und Schüler und zahlreiche Lehrende sahen zunächst einen 20-minütigen, in Italien produzierten Dokumentarfilm über Gert Hoffmann. Anschließend stand Gert Hoffmann den Anwesenden für Fragen zur Verfügung. Die nachstehenden Fotos geben einigen Impressionen der Veranstaltung wieder, die von einem ORF-Team aufgezeichnet wurde. Die Veranstaltung fand selbst in Italien Widerhall: die venezianische Kulturvereinigung Terra Antica berichtet auf ihrer website darüber.


ibc-Direktor Hofrat Dr. Wlcek, Gert Hoffmann, Oliver Scheiber
Weitere Fotos

04.07.2012

Christine Kainz: DER Blog aus Meidling

Bereits 2010 soll es weltweit rund 200 Millionen Blogs gegeben haben; diese Zahl wird sich seither wohl vervielfacht haben. Manche Blogger schaffen es dennoch, Nischen zu finden und spezialisierte Nachrichtenquellen aufzubauen. Christine Kainz ist das mit ihrem Blog gelungen: sie dokumentiert das Wiener Lokalgeschehen und betreibt wohl DEN Meidlinger Blog schlechthin. Was sich im 12. Wiener Gemeindebezirk und seiner Umgebung tut, wird feinsäuberlich beschrieben. Die Seite ist eine reiche Fundgrube für Informationen und Links zum 12. Bezirk!

Quelle: hwr-blog.de



02.07.2012

Un grande campione: Cesare Prandelli

Spanien schlägt Italien im Finale 4:0 und ist ein würdiger Europameister. Ungeachtet der Finalniederlage war die Leistung der italienischen Nationalmannschaft bei diesem Turnier mehr als beachtlich. Cesare Prandelli hat vor zwei Jahren die italienische Nationalmannschaft übernommen und tatsächlich Wunder vollbracht. Er hat das italienische Spiel revolutioniert und die Taktik nach Jahrzehnten von der Konzentration auf die Defensive befreit. Der Erfolg gibt ihm recht: Technik und Leidenschaft der italienischen Spieler kommen in der neuen Spielweise voll zur Geltung, Italien hat kein Spiel in der Qualifikation verloren und ein großes Turnier gespielt. Dem Charismatiker Prandelli ist es gelungen, aus dem Tumult um Wettskandale, Schiebungen und landesweite Aufregung heraus zum Teil schwierige Spieler zu einer Mannschaft zu formen. Mario Balotelli, an dem schon mehrere Trainer gescheitert sind, hat er zu einem der Stars des Turniers aufgebaut. Prandelli verfügt über menschliche Qualitäten, die in der uniformen Welt von heute auffallen: zuletzt hat er sich öffentlich gegen die im Fussball weit verbreitete Homophobie gewandt. Vor dem Start der Europameisterschaft lud er italienische Überlebende des KZ Ausschitz zum gemeinsamen Besuch der Gedenkstätte mit der italienischen Nationalmannschaft ein. Nicht umsonst also erhielt Prandelli bei seiner abschließenden Pressekonferenz in Kiev Standing Ovations der internationalen Presse; es wird beim Empfang am Quirinale heute Abend  in Rom nicht ander sein. Cesare Prandelli ist das neue Gesicht Italiens und zugleich Gesicht eines neuen Italien.

Foto: AFP


25.06.2012

Andrea Pirlo: il cucchiaio

Bei jedem Juxkickerl wäre es frech, einen Elfmeter so zu schießen wie dies Andrea Pirlo gestern Abend zeigte:
http://www.youtube.com/watch?v=On-2eRrv7QI
Pirlo erlaubte sich den Spaß mit einem Schupfer ("cucchiaio") freilich im Viertelfinale der Fussball-Europameisterschaft, nach dem berühmten Vorbild von Antonin Panenka im EM-Finale 1976. Allein für diesen genialen Moment haben die Italiener den Europameistertitel verdient.

Foto: dapd


22.06.2012

Pessoa Lounge

Die Pessoa Lounge in der Favoritenstrasse zählt zu den angenehmsten Lokalen der Stadt. Und sie ist ohne Zweifel der beste Ort in Wien, um Spiele der portugiesischen Nationalmannschaft zu verfolgen. Weder im Lokal noch im Garten - im stimmungsvollen Innenhof des Barockpalais Erzherzog Carl-Ludwig gelegen - ist beim heutigen Viertelfinale Portugal gegen Tschechien ein Platz frei geblieben. Deutlich mehr als 100 zufriedene Fans sangen nach dem Schlusspfiff Cristiano-Ronaldo-Chöre. Die portugiesische Mannschaft steht als erste im Semifinale des Turniers.

 

18.06.2012

Koreny/Eckert/Obonya: Ein Abend für Hermann Leopoldi

Hermann Leopoldi, 1888-1951, in Meidling geborener Komponist, Kabarettist und Sänger, war einer der großen österreichischen Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein unzweifelhaftes Genie verschaffte ihm früh große Popularität - die ihn vor der Deportation ins KZ durch die Nazis nicht retten konnte. Von seiner Frau freigekauft, emigrierte Leopoldi in die USA, wo er ebenfalls sofort zum Star avancierte. Als einen der wenigen Künstler lud ihn das Nachkriegsösterreich zur Rückkehr nach Wien ein. 

Hermann Leopoldi hinterließ Melodien, die unsterblich sind: In einem kleinen Café in Hernals, I´ bin a stiller Zecher, Schnucki, ach Schnucki und Schön ist so ein Ringelspiel sind nur einige Beispiele. Dem Fussballstar Josef Uridil setzte Leopoldi mit dem Gassenhauer Heute spielt der Uridil ein Denkmal. Die Texte von Leopoldis Werken haben einen hohen Wiedererkennungswert; selten kommt die deutsche Sprache in Liedern so verspielt und weich daher. Mit Die Novaks aus Prag hat Leopoldi das Unglück der jüdischen Emigranten, die vor dem Nazi-Horror flüchteten, zärtlich musikalisch beschrieben.

Und doch läuft Hermann Leopoldi Gefahr langsam in Vergessenheit zu geraten. Bela Koreny, Andrea Eckert und Cornelius Obonya haben dem nun mit einem grandiosen Programm entgegengewirkt, dem viele Aufführungen zu wünschen sind!

Foto: www.wien.gv.at



11.06.2012

Zeitzeugengespräch mit Gert Hoffmann


Gert Hoffmann, geb. 1917, war bereits in den 1930er-Jahren politisch aktiv und im Widerstand gegen den Austrofaschismus. Ab 1933 wurde er mehrmals verhaftet, im Februar 1938 amnestiert. Am Vorabend des Einmarsches der Nationalsozialisten in Wien war er unter denen, die zum Widerstand gegen die Besetzung aufriefen. 1938 emigrierte er in die damalige Tschechoslowakei und von dort nach Spanien, um mit den Internationalen Brigaden am Kampf für die Spanische Republik teilzunehmen. 1939, nach der Niederlage in Spanien, verbrachte Gert Hoffmann mehrere Jahre in französischen Internierungslagern, arbeitete im inzwischen von der Wehrmacht besetzten Frankreich bis 1943 als Landarbeiter und Holzfäller und kämpfte bis Kriegsende im französischen Widerstand.

Gert Hoffmann wurde nach der Befreiung in die US Army aufgenommen und war unter den ersten Befreiern, die Deutschland betraten. Er kehrte nach Kriegsende nach Österreich zurück. In den 1970er Jahren gründete er ein kleines Gewerbeunternehmen, engagierte sich gleichzeitig in Kuba und Nicaragua als Entwicklungshelfer.

Gert Hoffmann hat seine bewegte Lebensgeschichte aufgeschrieben. Das Buch „Barcelona, Gurs, Managua - Auf holprigen Strassen durch das 20. Jahrhundert“ ist ein faszinierendes Zeitdokument.

Am 14. Juni 2012, um 11 Uhr, kommt Gert Hoffmann zu einem Zeitzeugengespräch an die Wiener Handelsakademie ibc in der Hetzendorfer Strasse 66-68. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit von ibc und Bezirksgericht Meidling statt.

04.06.2012

Zugang zum Recht: Podiumsdiskussion am Bezirksgericht Meidling

Die Zeitschrift juridikum hat eine Monopolstellung unter den juristischen Zeitschriften Österreichs: als einzige setzt sie sich schwerpunktmäßig mit grundlegenden rechts- und gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinander. Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Zugang zum Recht - einem Schlüsselkriterium für jedes Rechtssystem. Das Heft wird im Rahmen einer Podiumsdiskussion am kommenden Montag am Bezirksgericht Meidling vorgestellt.
 
Montag, 11. Juni 2012, 18:30 Uhr 
 
Bezirksgericht Meidling, Schönbrunner Straße 222-228

1120 Wien, U4 Meidling Hauptstraße


Zugang zum Recht
 

Mira Kadric | Universität Wien
Dolmetschen als staatliche Fürsorgepflicht

Monika Niedermayr | Universität Innsbruck
Zugang zum Recht im frühen 19. Jahrhundert

Arno Pilgram | Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie
Rechtsfürsorge - juristische und soziologische Perspektivendifferenzen

Joachim Stern | Zeitschrift juridikum
Verfahrenshilfe - grundrechtlicher Mindeststandard der Verwaltungsgerichtsbarkeit

Oliver Scheiber | Vorsteher des BG Meidling
Moderation

Anmeldung erbeten: vorstand.meidling@justiz.gv.at