26.03.2012

Antonio Tabucchi 1943-2012

Fernando Pessoa (1888-1935) gilt als der größte Dichter Portugals. Sein Buch der Unruhe weist den Dichter außerdem als großen Philosophen aus. Pessoa war mit der Stadt Lissabon verwoben. Heute wird er in Lissabon auf eine Weise verehrt, wie das wohl nur in romanischen Ländern möglich ist. In Stein gemeisselt sitzt der Dichter unter den Gästen im Garten des legendären Café Brasileira. Pessoas letztes Wohnhaus, nun Casa Fernando Pessoa benannt, wurde in ein Museum umgewandelt, liebevoll ausgestaltet in jedem Detail. Das Haus steht kostenlos zur Besichtigung offen und ist häufig Ort von Veranstaltungen.

Antonio Tabucchi, Autor und Universitätslehrer, hat sich von Jugend an intensiv mit Pessoa auseinandergesetzt und den portugiesischen Dichter in Italien bekannt gemacht. In der Nähe Pisas geboren, lebte Tabucchi die letzten beiden Jahrzehnte überwiegend in Portugal. Sein bekanntestes Werk, Erklärt Pereira, wurde 1995 mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt. Tabucchi war kritischer Intellektueller und überzeugter Europäer. "Die Menschen können sich nicht aussuchen, wo sie geboren werden, aber wo sie leben und sterben schon". Antonio Tabucchi starb gestern nach langer Krankheit in Lissabon. 

Links: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,823618,00.html
http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-03/antonio-tabucchi-nachruf
http://www.zeit.de/2011/47/Italien-Tabucchi
http://diepresse.com/home/kultur/literatur/743350/Italienischer-Schriftsteller-Antonio-Tabucchi-ist-tot?from=gl.home.allgemein_kultur

Antonio Tabucchi neben einem Bildnis Pessoas


22.03.2012

Café Raimann

Das Café Raimann in der Schönbrunner Strasse 285 in Meidling spielt bei den Top 10 der Wiener Kaffeehäuser locker mit. Nach einem Besitzerwechsel vor einigen Jahren behutsam renoviert, findet man dort alles, was ein Wiener Kaffeehaus heute ausmacht: gute Küche, Frühstückskarte, breites Zeitungsangebot, WLAN und Fernsehraum. Entsprechend gut besucht ist das Café vom Vormittag bis in den späten Abend.


18.03.2012

Friedrich Zawrel im Schuberttheater

Das Schicksal des Friedrich Zawrel ist ein außergewöhnliches, in jeder Hinsicht. Als Kind wurde Friedrich Zawrel vom NS-Arzt Heinrich Gross am Spiegelgrund in Wien gefoltert. Jahrzehnte später kreuzen sich die Wege von Friedrich Zawrel und Heinrich Gross neuerlich; und wieder greift Gross in bösartiger Weise in das Leben Zawrels ein. 

Friedrich Zawrel hat sich aufgelehnt und letztlich den vielbeschäftigten Psychiater Gross zu Fall gebracht und als Verbrecher entlarvt. Friedrich Zawrel lebt heute in Wien-Meidling. Er ist zum gefragten Zeitzeugen geworden und Träger des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien. Wer Zawrel jemals bei einem seiner Vorträge zugehört hat, wird das niemals vergessen können. Seine Erinnerungen sind Grundlage für zahlreiche Publikationen, Dokumentationen und Filme gworden.

Kommende Woche hat nun das Figurentheaterstück „F.Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig” im Wiener Schuberttheater Premiere. Puppenspieler Nikolaus Habjan und Regisseur Simon Meusburger haben zahlreiche Gespräche mit Friedrich Zawrel geführt, die als Grundlage für das Stück dienten.

Foto: Schuberttheater

14.03.2012

Anita Lasker-Wallfisch

Anita Lasker-Wallfisch wurde 1925 in Breslau geboren, heute lebt sie in London. Sie ist eine der letzten Überlebenden des Frauenorchesters des Konzentrationslagers Auschwitz. In Auschwitz spielte Anita Lasker-Wallfisch als Einzige Cello und konnte so dem sicheren Tod entkommen.
Anita Lasker-Wallfisch hat ihre Geschichte aufgeschrieben und unter dem Titel Ihr sollt die Wahrheit erben veröffentlicht. 1994 kam Anita Lasker-Wallfisch erstmals nach ihrer Emigration wieder nach Deutschland. Seit ihrer Pensionierung reist sie um die Welt, um ihre Geschichte zu erzählen: als charismatische, kraftvolle, schlagfertige Vortragenden.

Der Direktor der Volkshochschule Meidling, Dr.Gerhard Bisovsky, hat gemeinsam mit dem Verein Campus Längenfeld Anita Lasker-Wallfisch zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres für einen Besuch in Wien gewinnen können. Gestern sprach Frau Lasker-Wallfisch vor rund 600 Menschen, überwiegend Schülerinnen und Schülern, in Meidling. Die Wirkung des Vortrags zeigte sich nicht nur in der Stille während der Rede und vielen folgenden Fragen, sondern auch in der Zahl von rund 100 vor Ort verkauften Exemplaren des Buches von Frau Lasker-Wallfisch.

Eine Folgeveranstaltung im Frühjahr 2013 ist angedacht.

© www.werfotografiert.at


13.03.2012

Streit am Bundesgerichtshof

Richter sollen Streitigkeiten schlichten bzw. entscheiden. Doch wie gehen sie selbst mit Konflikten um? Der deutsche Bundesgerichthof zelebriert seit längerem eine abschreckende Variante der Konfliktaustragung. Der Präsident des Bundesgerichtshof, Klaus Tolksdorf, sperrt sich seit mehr als einem Jahr gegen die Beförderung von Thomas Fischer zum vorsitzenden Richter. Fischer ist einer der renommiertesten deutschen Strafrechtsexperten und gleichzeitig eine kantige Persönlichkeit. Im Streit mit dem Gerichtspräsidenten hat Fischer bereits einmal die Verwaltungsgerichte angerufen und Recht bekommen. Die ZEIT hat den ungewöhnlichen Konflikt ausgeleuchtet und in Berichten 2011 und 2012 in vielen Facetten dokumentiert. War es für den Außenstehenden anfangs schwierig, sich ein Bild zu machen, so sind die neuesten Handlungen von Präsident Tolksdorf schlicht befremdlich. Doch im Dunkel ist auch Licht: die deutsche Klagsmöglichkeit vor den Verwaltungsgerichten scheint einen effizienten Rechtsschutz für Beamte zu bieten, denen, tatsächlich oder vermeintlich, Unrecht in Besetzungsverfahren widerfährt.   

Thomas Fischer, Richter des BGH; Foto: Michael Herdlein

10.03.2012

Volksanwaltschaft - Vom wahren Leben im Rechtsstaat

Seit ihrer Gründung vor 35 Jahren hat sich die Volksanwaltschaft bewährt: rund 15.000 Personen wenden sich jährlich an die Einrichtung. Das Team der VolksanwältInnen besteht aktuell aus Dr. Peter Kostelka, Dr. Gertrude Brinek und Mag. Terezija Stoisits. Volksanwältin Gertrude Brinek präsentierte vor kurzem im Parlament ihr Buch Vom wahren Leben im Rechtsstaat - es gibt Einblicke in die tägliche Arbeit der Volksanwaltschaft und skizziert Grundlagen und Entwicklungsmöglichkeiten der Institution. 

Bald wird die Volksanwaltschaft weiter an Bedeutung gewinnen: ab Juli 2012 übernehmen die Volksanwaltschaft und die von ihr eingesetzten Expertenkommissionen die Aufgaben als Nationaler Präventionsmechanismus (NPM) zur Umsetzung des Fakultativprotokolls zum Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe vom 18.12.2002 (OPCAT) sowie der Regelungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Unter anderem übernimmt die Volksanwaltschaft dann die Kontrollagenden, die bisher der Menschenrechtsbeirat im Innenministerium wahrgenommen hat. Die Volksanwaltschaft wird damit zur zentralen Menschenrechtskontrolleinrichtung - ein großer Schritt vorwärts bei der Absicherung der Grundrechte in Österreich. 

Die Vorbereitungen zur Übernahme der neuen Aufgaben sind auf der Website der Volksanwaltschaft übersichtlich und transparent dargestellt - die gute Internetpräsentation ist nur ein Teil der sachlich-professionellen Informationsarbeit der Volksanwaltschaft, die seit drei Jahren von Christine Stockhammer geleitet wird.

Terezija Stoisits, Peter Kostela, Gertrude Brinek
Foto: Volksanwaltschaft



07.03.2012

Polizeibeamte klagen Purple Sheep

(Dieser Text erschien leicht gekürzt in der Printausgabe der Salzburger Nachrichten vom 6.3.2012)

TV für Polizei "zu nahe" dran


Die Klage von Polizeibeamten gegen den Verein Purple Sheep, der von Abschiebung bedrohte Menschen in Wien betreut, macht stutzig. Laut Medienberichten (SN vom 4.2.2012) haben zwei Polizeibeamte den Verein geklagt, weil sie bei einem Abschiebeversuch gefilmt wurden. Ein georgisches Ehepaar sollte mit seiner schwer behinderten Tochter nach Litauen abgeschoben werden. Als die Fremdenpolizei im Flüchtlingsquartier eintraf, um die Familie zur Abschiebung abzuholen, filmte der Verein Purple Sheep die versuchte Abholung, der ORF strahlte die Bilder aus. Die Abschiebung wurde abgebrochen und die Familie erhielt laut Medienberichten mittlerweile eine Niederlassungsbewilligung.



06.03.2012

Korruption in Österreich: Karl Jurka und Mark Pieth im Gespräch

Man könnte glauben, dass zu den Korruptionsaffären der letzten Jahre bereits alles gesagt und geschrieben ist. Der Korruptionsmüdigkeit setzt der STANDARD diese Woche zwei spannende Interviews entgegen. Der Lobbyist Karl Jurka analysiert, welche Dinge in Wien "reingehen", die in Deutschland undenkbar wären. Und er berichtet, dass das "abgekartete Buwog-Spiel" bereits beim Opernball 2004(!) "das Ballgespräch" gewesen sei. OECD-Korruptions-Experte Mark Pieth beschreibt Umgang und Haltung der heimischen Eliten zu korruptem Verhalten und weist am Rande auf das Phänomen hin, dass die Vorgänge rund um den Flughafen Wien nicht zentrales Thema der öffentlichen Deabtte sind.



05.03.2012

Europäischer Gerichtshof verurteilt Italien wegen Massenzurückschiebung von Flüchtlingen

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg (EGMR) korrigiert regelmäßig die Flüchtlingspolitik der EU. Vorletzte Woche verkündete der EGMR ein wichtiges Grundsatzurteil zur Abschiebung von Flüchtlingen. Dem Urteil liegen Geschehnisse aus dem Jahr 2009 zu Grunde: Drei Gummiboote mit rund 200 Flüchtlingen aus Somalia und Eritrea wurden von Italiens Küstenwache vor der Insel Lampedusa in internationalen Gewässern aufgespürt. Die Flüchtlinge, denen nach einer dreitägigen Reise das Trinkwasser fehlte, hofften, von der Küstenwache auf das italienische Festland in Sicherheit gebracht zu werden. Tatsächlich wurden sie von den italienischen Behörden direkt nach Libyen überstellt.
In seinem Urteil legt der Gerichtshof Italien mehrere Verstöße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention zur Last: den Flüchtlingen sei rechtswidrig die Möglichkeit genommen worden, Asyl zu beantragen, und sie wären durch die Zurückschiebung einer Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt worden. Regierungschef Monti hat umgehend angekündigt, die italienische Flüchtlings- und Abschiebepolitik zu überdenken. Auch andere Länder werden ihre Praxis der Entscheidung des EGMR anzupassen haben.

© Ettore Ferrari/dpa

02.03.2012

Italien nimmt Abschied von Lucio Dalla

Heutzutage liegen vorbereitete Nachrufe für Personen des öffentlichen Lebens in den virtuellen Schubladen der Journalisten; nichts soll dem Zufall überlassen sein. Vom Tod Lucio Dallas wurden nicht nur die Medien, sondern vor allem auch die Italienerinnen und Italiener überrumpelt. Vor wenigen Tagen noch hatten sie Dallas gut gelaunten Auftritt beim Musikfestival von Sanremo im Fernsehen verfolgt. Lucio Dallas Tod beherrscht heute die Titelseiten der italienischen Zeitungen, die RAI brachte am Abend eine Sondersendung. Die breite Würdigung macht deutlich: hier ist einer gegangen, der Musikgeschichte geschrieben hat. Dalla gehört mit Celentano, Mina, Gianna Nannini und Paolo Conte zweifellos zu den ganz Großen der italienischen Musik der letzten Jahrzehnte. Lieder wie CanzonePiazza Grande, Caruso oder 4 Marzo 1943 werden noch lange gehört werden.
Dalla hatte eben erst eine internationale Tournee gestartet. Sie hätte ihn unter anderem nach Basel, Genf, Lugano, Paris, Hamburg, Bremen, Frankfurt, Luxemburg, Stuttgart, München und Berlin führen sollen, an Orte, in denen er dreißig Jahre zuvor schon aufgetreten war. Nach dem Auftritt in Montreux fand die Tour ihr Ende.
Lucio Dalla wäre kommenden Sonntag 69 Jahre alt geworden.

Foto: picture-alliance