15.03.2014

Anatole France’ Crainquebille


Literaturnobelpreisträger Anatole France hat mit der kurzen Erzählung Crainquebille vor mehr als 100 Jahren einen noch immer gültigen Text über Recht, Gerechtigkeit und Klassenjustiz geschaffen:

Der Strafprozess als religiöses Schauspiel

Anatole France’ Crainquebille


Anatole France (1844 bis 1924) war zu seiner Zeit einer der führenden französischen Schriftsteller und Intellektuellen und erhielt 1921 als vierter französischer Autor den Literaturnobelpreis. Er wuchs als Jacques Anatole Thibault[1] in Paris auf. Sein Vater, François Noël Thibault, betrieb die Buch­handlung „Librairie de France“ am Quai Voltaire und war seinen Kunden mehr als „France“ und weniger als „Thibault“ bekannt (Lajta, 8).
1881 gelingt Anatole France im Alter von 37 Jahren mit dem Roman Die Schuld des Professors Bonnard (Le crime de Sylvestre Bonnard) der Durch­bruch als Schriftsteller. Politisch stand France in dieser Zeit noch den Kon­ser­vativen nahe. 1888 beginnt France, damals noch verheiratet und Vater einer Tochter, ein Verhältnis mit Madame Armand de Caillavet, die in Paris einen Salon führt. Das Verhältnis beeinflusst das politische und literarische Werk von France und dauert bis zum Tod von Madame Armand 1910. Wäh­rend France sich 1893 scheiden lässt, duldet der Ehemann seiner Ge­liebten ihre gemeinsamen Reisen und sogar, dass France zeitweise in ihrem Haus arbeitet und wohnt. Die ehrgeizige Madame Armand spornt France an; nicht ohne Erfolg: 1896 wird France Mitglied der Académie Française.
Neben dieser privaten beeinflusst auch eine politische Affäre den Schrift­steller und Denker France entscheidend: die Dreyfus-Affäre bedeu­tete einen der großen Justizskandale der Zeit und spielte im politischen Leben Frankreichs über Jahre hin eine zentrale Rolle. Der jüdische Haupt­mann Alfred Dreyfus war 1894 durch ein Fehlurteil wegen Spionage und Landesverrats vom Pariser Militärgericht zu lebenslanger Deportation auf die Teufelsinsel verurteilt worden. Die Auseinandersetzung über das Urteil, ge­fällt nach einem von Antisemitismus geprägten Verfahren, führte zu einer Polarisierung der Gesellschaft. Im Lager der Dreyfus-Gegner sammelten sich Monarchisten, überwiegend das katholische Lager und antisemitische Gruppierungen. Diese Seite wurde von der Pariser Presse unterstützt. Erst im Laufe der jahrelangen Ausein­andersetzungen gewannen die Dreyfus-An­hänger, unter ihnen Wissen­schafter, Intellektuelle und Schriftsteller, an der Spitze Émile Zola, an Be­deutung. Zola verfasste seine Streitschrift J’accuse und wurde daraufhin selbst verurteilt. Durch die Verurteilung Zolas, des be­rühm­testen Roman­schriftstellers Frankreichs zu dieser Zeit, schlug die Drey­­fus­-Affä­re weltweit Wellen. Ungeachtet der vorangehenden persön­lich­en Antipathie stand Anatole France in diesen Jahren kämpferisch an der Seite Zolas.
In den Jahren 1908 und 1912 entstanden die Hauptwerke des Anatole France, die Romane Die Insel der Pinguine sowie Die Götter dürsten. Poli­tisch rückte France weiter nach links. Gegen Ende seines Lebens stand er an der Seite der Kommunisten, nach deren Auszug aus der sozialistischen Par­tei 1920. Bereits 1922 setzte er sich, seiner kritischen Haltung ent­sprechend, von den Kommunisten wegen ihrer absoluten Moskauhörigkeit wieder ab.
Die Bedeutung von Anatole France zu seinen Lebzeiten lässt sich heute nur mehr erahnen. Die Auswertung der Ausleihungen der Bibliotheken zeigt, dass France damals auch im deutschsprachigen Raum zu den meist­gelesen Autoren zählte (Lajta, 95). Zu seinem 80. Geburtstag, 1924, wurde Ana­tole France mit Ehrungen überhäuft. Kurz darauf verstarb er. Er erhielt ein Staatsbegräbnis, an dem der Präsident der Republik und sämtliche Mi­nis­ter sowie zahlreiche Arbeiterführer teilnahmen (Lajta, 25). Einen Ein­druck von der Einschätzung der Zeitgenossen vermittelt der Nachruf, der am 13. Oktober 1924 in der österreichischen AZ (Arbeiterzeitung) erschie­nen ist: „Eine Leuchte ist erloschen, deren Schein über den Erdkreis strahl­te, eine Stimme verstummte, deren Klang die ganze zivilisierte Welt lausch­te, ein Geist gebrochen, der ein Menschenalter hindurch unter den klarsten Geis­tern Europas glänzte.“[2] Vom „bedeutendsten Schriftsteller der Gegen­wart“ spricht der Nachruf der Neuen Freien Presse.[3]
Heute erfährt France nur mehr geringe Rezeption. Es erscheinen kaum Bücher über ihn, ja es herrscht eine gewisse „Ratlosigkeit in Bezug auf Ana­tole France“ (Lajta, 5).

 

Die Handlung

Die kurze Erzählung Crainquebille ist 1901 entstanden. Jérome Crainque­bille ist ein einfacher, wenig gebildeter Mann von etwas über sechzig Jah­ren. Sein ganzes Leben war er fahrender Gemüsehändler. Um 5.00 Uhr früh ersteigert er Gemüse am Großmarkt, um dann den ganzen Tag seinen Gemüsewagen durch die Rue Montmartre zu ziehen.
Das Unglück des Gemüsehändlers beginnt, als er eines Tages auf eine Kun­din wartet, die, um ihren Einkauf zu bezahlen, Geld aus ihrem Laden holt. Durch das längere Anhalten mit seinem Wagen verursacht Crainque­bille in den Augen eines Polizisten („Der Polizist mit der Nummer 64“) ei­nen kleinen Stau in der Rue Montmartre. Auf die Aufforderung des Polizis­ten, weiterzugehen, erwidert Crainquebille, er müsse doch auf sein Geld war­ten. Der Polizist bildet sich fälschlich ein, Crainquebille habe eine Belei­digung („Mort aux vaches! – „Tod den Bullen!“) ausgesprochen und ver­haf­tet den Gemüsehändler.
Crainquebille verbringt eine Nacht auf der Wache und wird dann ins Gerichtsgefängnis überstellt. Er erhält einen Verteidiger beigegeben, die Gerichtsverhandlung findet bald statt. Obwohl ein angesehener Arzt als Zeuge für Crainquebille aussagt und die Unschuld Crainquebilles deutlich wird – der Polizist gibt in der Verhandlung völlig unglaubhaft an, auch der Arzt habe ihn beleidigt – folgt der Richter allein der Aussage des Poli­zei­beamten und verurteilt den Gemüsehändler zu zwei Wochen Haft und einer Geldstrafe.
Nach der Verbüßung der Haft zeigt sich, dass die Mundpropaganda die Tatsache von Crainquebilles Gefängnisaufenthalt in der Rue Montmartre verbreitet hat und seine Kunden ausbleiben. Crainquebille beginnt zu trin­ken, lässt sich in Streitigkeiten mit Kunden ein und verliert seine wirt­schaft­liche Existenz. Aus seinen ohnedies elenden Verhältnissen, Crainquebille übernachtete bisher nur in einem Verschlag, in dem er jetzt auch nicht mehr bleiben kann, noch weiter abgestürzt, verfällt Crainquebille auf die Idee, nun tatsächlich einen Polizisten zu beleidigen, um wenigstens in den Genuss der Grundversorgung eines Gefängnisses zu kommen. Aber auch hier schei­tert Crainquebille. Der Polizist, an den er diesmal gerät, sieht von einer Anzeigeerstattung ab. Der Schluss der Erzählung ist trist, der Weg in den Selbstmord angedeutet: „Crainquebille senkte den Kopf und schritt mit hängenden Armen durch den Regen in die Dunkelheit“ (S. 79).[4]
Die Erzählung ist 1900-1901 erstmals in Fortsetzungen in Le Figaro, erschienen, 1901 und 1902 dann in Form von Broschüren. 1903 gab France auch eine Version als Theaterstück heraus; darin wurde der Schluss posi­ti­ver gestaltet. An die Stelle des angedeuteten Selbstmords tritt die Einladung eines Waisenjungen, der Crainquebille ein Abendessen anbietet. Das Stück er­lebte bereits am 24.11.1903 im Theater in der Josefstadt seine öster­reichische Uraufführung und wurde dort in der Folge weitere achtzehn Mal gezeigt (Lajta, 71).
1922/23 entstand nach der Erzählung ein Stummfilm nach einem Dreh­buch und unter der Regie von Jacques Feyder; Maurice de Féraudy spielte die Hauptrolle. Das Ende des Films folgt der Theaterfassung: ein klei­ner Junge tritt auf, der von allen „die Maus“ genannt wird. Ihm gelingt es, den alten Crainquebille vom Sprung in die Seine abzuhalten und wieder fröhlich zu stimmen. Die Authentizität des Maurice de Féraudy in der Rolle des Jé­rôme Crainquebille prägte eine ganze Generation französischer Schau­spieler. Der Film gilt als eines der wichtigsten Werke der französi­schen Stummfilmära. Die Kopien verloren sich in alle Welt. Erst kürzlich konnte aus mehreren Fragmenten eine restaurierte Fassung mit einer Länge von 73 Minuten hergestellt werden. Sie wurde am 2. Juli 2005 im Pariser Jardin du Lu­xem­bourg im Rahmen des Sommerkinos uraufgeführt, begleitet von einem Orchester unter der Leitung von Antonio Coppola.[5]

Die Justizkritik im Kontext ihrer Zeit

Crainquebille zeigt eine Klassenjustiz, die völlig bedenkenlos im Sinne der Mächtigen agiert. Die Erzählung erschien, als die Dreyfus-Affäre auf ihren Höhepunkt zusteuerte, und ist zweifellos in diesem Kontext zu sehen. Die Kritik am Justizsystem hat darüber hinaus aber allgemeine Gültigkeit, zeigt sie doch die Hilflosigkeit des einfachen, mittellosen und ungebildeten Men­schen im Gerichtssaal, vor dessen Ritualen und der dort herrschenden ab­ge­ho­benen Sprache. Interessant ist die Parallelität der Kritik mit Karl Kraus’ ziem­lich zeitgleich entstandenen Prozessbeobachtungen in Österreich in Sitt­lichkeit und Kriminalität.
Die Erzählung ist formal äußerst kompakt und kurzweilig gestaltet. Die Sprache ist einfach, voll Ironie, Witz, Spott und Sarkasmus. Während der Au­tor mit diesen Mitteln Missstände anprangert, lässt er den einfachen, un­ter die Räder der Gesellschaft gekommenen Personen, wie hier dem Gemü­se­händler Crainquebille, Wärme und Empathie zukommen. Der Autor er­greift die Partei der wirtschaftlich Schwachen, die unter den damaligen Ver­hältnissen kaum Möglichkeiten hatten, sich aus ihrem Elend zu befreien. Diese auch in den anderen Werken von France dominierende Grundhaltung machte ihn nach dem Tod Zolas (1902) zur führenden Persönlichkeit unter jenen französischen Schriftstellern, die für eine gerechtere Gesellschafts­ordnung ein- und gegen soziale Missstände auftraten.
Die Erzählung – der schon zitierte Schlusssatz der Urfassung macht es deut­lich – enthält wenig Hoffnung. Ungeachtet der Anklänge an die Drey­fus-Affäre bringt es Thomas Baldischwieler[6] auf den Punkt, wenn er davon spricht, dass die Geschichte um Crainquebille insofern depri­mierender als die Dreyfus-Affäre sei, da Crainquebille nicht einmal be­greife, dass er das Opfer eines Justizirrtums geworden ist.

Die Verhandlung als religiöses Schauspiel

Crainquebille ist sich im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Poli­zis­ten noch sicher, diesen nicht beleidigt zu haben. Beeindruckt von der Zere­monie der Verhandlung und der Ausstattung des Gerichtssaals stellt sich bei ihm jedoch ein Schuldbewusstsein ein, das der Autor mit der Erb­sünde ver­gleicht (S. 53). Die Verurteilung wird für Crainquebille zu einem „heh­ren Mysterium“, zu einer „zugleich dunklen und einleuchtenden, herrlichen und schrecklichen Offenbarung“ (S. 53).
Der Justiz gelingt es, den unschuldigen Crainquebille allein schon mit ihrem Zeremoniell und ihren Ritualen zu erschlagen:
Er war sich selbst nicht darüber klar, dass sich die Richter geirrt hatten. Das Ge­richt hatte seine geheimen Schwächen unter der Erhabenheit der Formen vor ihm verborgen. Er vermochte nicht zu glauben, dass er Recht haben sollte ge­gen­über Männern in der Robe, deren Rechtsgründe er nicht verstanden hatte: Un­möglich konnte er davon ausgehen, dass etwas an dieser schönen Zeremonie nicht in Ordnung sein mochte. Denn da er weder in die Messe ging noch im Élyséepalast verkehrte, hatte er im Leben noch nichts so Schönes gesehen, wie diese Verhandlung vor der Strafkammer (S. 53).
Dieser kurze fünfte Abschnitt der Erzählung, unter dem Titel „Von Crain­que­bille’s Unterwerfung unter die Gesetze der Republik“ schließt an den ersten Abschnitt an, der nicht ohne Sarkasmus als „Von der Erhabenheit der Gesetze“ bezeichnet ist. Hier am Beginn der Erzählung hebt der Autor das Einschüchternde an der Erscheinung von Gerichtssaal und Richtern hervor: die Verdienstorden, die der Richter in der Verhandlung trägt, die Büste der Re­publik und das Kreuz an der Rückwand des Verhandlungs­saales. Crain­quebille empfindet im Verhandlungssaal „den gehörigen Schrecken“ (S. 7), er ist,
von Ehrerbietung durchdrungen, von Furcht und Schrecken überwältigt (...) bereit, die Entscheidung über seine Schuld ganz den Richtern anheimzustellen. Vor seinem Gewissen empfand er sich nicht als Verbrecher; doch er spürte, wie wenig das Gewissen eines Gemüsehändlers im Angesicht der Symbole des Ge­setzes und der Bevollmächtigten der rächenden Gesellschaft bedeutete (S. 11).
In dieser Umgebung verschlossen ihm Ehrfurcht und Angst den Mund (S. 27).
In der Verfilmung der Erzählung wird die Übermacht des Gerichts mit – für die damalige Zeit beachtlichen – Trickeffekten versinnbildlicht, in­dem die Rich­ter und der Polizeibeamte im Gerichtssaal zu Riesen wachsen…
Die Erzählung spricht damit die Ähnlichkeiten zwischen Gerichts­ver­handlungen und religiösen Zeremonien an. Beides rituelle Abhandlungen in entsprechenden Baulichkeiten, wirken sie erschreckend und Ehrfurcht ein­flö­ßend. Betrachten wir heute einen der kürzlich renovierten, historischen Ver­handlungssäle des Obersten Gerichts­hofs im Justizpalast in Wien, so kön­­nen wir Crainquebilles Gefühle gut nachempfinden. Prunkvoll ausge­stat­tete Räume, mit stark er­höhten Richterbänken, womöglich zusätz­li­chen Schran­ken, die die Ange­klagten oder Parteien des Verfahrens vom Rich­­ter­tisch noch weiter abtrennen, dunkles Holz, sowie staatliche oder re­li­giöse Sym­bole im Gerichtssaal sind durchaus in der Lage, eine faire Kom­mu­ni­ka­tion erst gar nicht aufkommen zu lassen. Man könn­te durch­aus sagen, dass ein faires Verfahren im Sinne der Menschenrechts­kon­­ven­tion auch eine adäquate Ausstattung des Verhandlungssaals verlangt.
In den letzten Jahren ist es in Österreich durch eine nüchterne Gerichts­archi­tektur zu einem gewissen Bruch mit der Vergangenheit gekommen. Ge­meinsam mit diversen Änderungen der Prozessordnungen – so müssen erst seit rund zehn Jahren Angeklagte, Zeuginnen und Zeugen bei ihren Ein­vernahmen in der Verhandlung nicht mehr stehen, sondern verfügen über einen Sitz vor dem Richter bzw der Richterin; derzeit wird die Streichung der Möglich­keit der Beeidigung aus dem Gesetz vorbereitet –, führt dies zu einer neuen Kultur des Gerichtssaals, die modernen Vorstellungen von Jus­tiz und Streitbeilegung angemessener ist. Fragt man Parteien und Zeu­gin­nen so­wie Zeugen, aber auch Geschworene und Schöffinnen und Schöf­fen nach ihren Eindrücken von Gerichtsverhandlungen, so hört man freilich nach wie vor viel zu oft, dass sie sich überfahren und in die Ecke gedrängt fühlten.
Die Autorität muss jedoch nicht ganz ohne Insignien auskommen. Der Talar, den der Richter oder die Richterin in der Verhandlung trägt, kann für alle Beteiligten po­si­tiv wirken. Für den Angeklagten bzw. die Partei des Zi­vil­­verfahrens, weil er deutlich macht, dass der Richter und die Richterin Trä­ger der staatlichen Macht sind. Auch wenn es in der Verhandlung zu ei­nem ruhigen Austausch der Argumente zwischen Gericht und Parteien kommt, so wird doch am Ende der Richter bzw die Richterin eine Ent­schei­dung treffen, die für alle verbindlich gilt. Diese Hierarchie des Gerichtssaals bleibt durch den Talar für alle ständig präsent. Auch für die Richterinnen und Richter: tragen sie den Talar, so verstecken sie sich zwar nicht hinter dem Gesetz; es wird aber auch für sie selbst deutlich, dass sie eine Rolle spie­­len, nämlich als Wahrer und Anwender der Gesetze. Entspricht ein an­zu­­wendendes Gesetz nicht der persönlichen Einstellung des Richters oder der Richterin, was zwangsläufig immer wieder vorkommt, so wird die Er­füllung der Aufgabe einfacher, wenn der Talar dem Richter bzw. der Rich­te­rin die Rolle als Amtsträger ins Bewusstsein ruft. Im Übrigen unterliegt auch die Haltung zu den Insignien der Macht der Mode. Es gibt Genera­tio­nen von Richterinnen und Richtern, die ziemlich geschlossen den Talar tra­gen, dann wieder andere, bei denen sich der Talar wenig Beliebtheit erfreut. In den österreichischen Gerichtssälen tragen die Richterinnen und Richter in Straf­verhandlungen in der Regel den Talar. Die Zivilrichterinnen und Zivil­richter, vornehmlich der mittleren Generation, verhandeln auch gerne in zivi­ler Kleidung – und nehmen damit in Kauf, das Gesetz zu ver­letzen, das das Anlegen des Amtskleids (schwarzer Talar und eine Kappe, Barett genannt) vorschreibt und auch – freilich rein männerbezogen – De­tails nicht ver­gisst: „Zum Amtskleid sind zu tragen: ein Straßenanzug oder ein Anzug aus dunklem Stoff, schwarze Straßenschuhe, dunkle Socken oder Strümpfe, eine Krawatte aus schwarzem Stoff und ein weißes Hemd.“

Crainquebilles ‚Unterwerfung unter die Gesetze’

Crainquebilles Haltung, sich den Richtern und den Gesetzen zu unter­wer­fen, ist durchaus repräsentativ. Selbst im Alltag des Strafprozesses zeigt sich, dass die Akzeptanz des Strafrechts in der Bevölkerung hoch ist. An­ge­klagte verantworten sich in einem hohen Ausmaß geständig, in jedem Fall aber werden verhängte Strafen zu einem ganz hohen Prozentsatz akzeptiert. Rechtsmittel gegen Strafurteile sind die Ausnahme – wir erleben sie vor allem in politisch brisanten oder sonst medienwirksamen Prozessen, etwa Mordverfahren. Im Alltag dagegen ist es durchaus nicht unge­wöhnlich, dass Angeklagte, so wie Crainquebille, trotz ihrer Unschuld gleichsam mit schlech­­tem Gewissen vor Gericht auftreten und sich oft schuldig fühlen, wo ju­ristisch von Schuld keine Rede sein kann. Menschen, die tatsächlich ver­gessen haben, den einen oder anderen Artikel im Supermarkt zu bezahlen, bekennen sich dann schuldig, obwohl ihnen jeder Vorsatz fehlt, der für eine gerichtliche Verurteilung wegen Diebstahls notwendig wäre. Auch Beschul­dig­te, die ihre Schulden bei Versandhäusern nicht bezahlen können und wegen Betrugs angeklagt werden, verantworten sich oft geständig. Sie mei­nen damit, dass sie die offenen Beträge der Bestellungen schulden, obwohl auch ihnen jeglicher Betrugsvorsatz fehlt, der eine strafgerichtliche Verur­teilung tragen könnte. In solchen Fällen ist das richterliche Berufsethos ge­fragt, um die Beschuldigten auf ihren Irrtum aufmerksam zu machen und nicht schnell mit einem Schuldspruch auf Grund des irrigen Schuld­be­kennt­nisses vorzugehen. Gefordert ist natürlich auch die Verteidigung, die in man­chen Fällen dazu neigt, ihrer Mandantschaft vorschnell zu einem Ge­ständnis zu raten. Nicht anders ergeht es Crainquebille: „Schon sein Anwalt hatte ihn halbwegs davon überzeugt, dass er nicht unschuldig war“ (S. 11).
Crainquebille wird in der Verhandlung von seinem Pflichtverteidiger durch­aus nicht ohne Engagement verteidigt. Der Verteidiger endet sein Plä­do­yer so:
Und selbst wenn Crainquebille ‚Scheißbulle’ gerufen hätte, wäre es noch sehr die Frage, ob dieses Wort aus seinem Munde als strafbar anzusehen wäre. Crain­quebille ist das uneheliche Kind einer in Lastern und Trunk vegetierenden ambulanten Händlerin und damit der geborene Alkoholiker. Sie sehen selber, welch ein Wrack sechzig Jahre Elend aus ihm gemacht haben. Meine Herren, sie werden ihm Unzurechnungsfähigkeit zubilligen (S. 37).
Dieser argumentative Zug ist für Crainquebille einerseits demütigend, spricht er doch – bis dahin – keineswegs dem Alkohol zu; auf der anderen Seite schöpft der Verteidiger, wie es seine Pflicht ist, damit alle Mittel aus, um Crainquebille eine Verurteilung zu ersparen.

Justiz und Sprache

Crainquebille ist der Szenerie der Gerichtsverhandlung in keiner Weise gewachsen. „Der Vorsitzende, Herr Bourriche, widmete der Befragung von Crainquebille volle sechs Minuten“ (S. 27).
Hält man sich die geringe Bedeutung der Sache, die Beleidigung eines Amtsorgans, vor Augen, so erscheinen die sechs Minuten für die Befragung gar nicht so kurz. Schwerer wiegt, dass es Crainquebille nicht gelingt, sich vor Gericht verständlich zu machen und ihm der vorsitzende Richter keiner­lei Hilfestellung leistet. So kommt es, dass der Richter die Verantwortung Crain­quebilles in der Verhandlung als geständig wertet, wo doch Crainque­bille versuchte, das Gegenteil zu artikulieren.
Einer der Hauptpunkte jeder Justizkritik ist die für die juristischen Laien wenig verständliche Fachsprache. Es ist eine der größten Herausfor­derun­gen für die moderne Justizpolitik, hier Haltungsänderungen bei den Richte­rin­nen und Richtern herbeizuführen. Zweifellos, Fachausdrücke und Wort­wiederholungen, die der juristischen Präzision dienen, sind un­umgänglich. Endlose, verschachtelte Sätze und die Verwendung veralteter, außerhalb des Ge­richts ausgestorbener Begriffe sind aber verzichtbar und im Ergebnis schlicht und einfach menschenfeindlich. Es macht eine Gerichtsent­schei­dung für die Betroffenen unlesbar, wenn die Parteien des Prozesses darin nicht als „Herr Müller“ und „Frau Müller“, sondern, um ein Beispiel zu nennen, durchgehend als „Antragsteller und gefährdete Partei“ und „Antragsgegner und Gegner der gefährdeten Partei“ bezeichnet werden.
Die Verwendung der Fachsprache mitsamt dem ihr eigenen, vertrackten Satz­bau entspricht ohnedies mehr einer schlechten Tradition und dem Wunsch, den Bürgerinnen und Bürgern die Macht des Gerichts vor Augen zu führen, als irgendwelchen sachlichen Notwendigkeiten. Das mag bei anderen Berufen auch so sein, wirkt sich aber im Gerichtsalltag besonders schlimm aus: Wie muss sich der Angeklagte fühlen, der eine Urteils­ver­kündung nicht versteht oder die Partei eines Zivilverfahrens, die ohne Hilfe ihres Anwalts bzw ihrer Anwältin einen ihr zugestellten, für sie ganz we­sent­lichen Gerichtsbeschluss nicht deuten kann?
Der Zugang zum Recht hat also mehrere Facetten, von denen einige im Fall Crainquebille angesprochen werden: Zugang zum Recht bedeutet nicht nur, dass auch die Mittellosen die Möglichkeit haben, von Rechts­anwäl­tinnen und Rechtsanwälten vor Gericht vertreten zu werden. Es muss auch heißen, dass die weniger Gebildeten in einer ihnen verständlichen Sprache vom Gericht belehrt und befragt werden. Geschieht das nicht, so werden Ungleichheiten verfestigt, das Verfahren wird unfair.

Crainquebille als Opfer der freien Beweiswürdigung

Die österreichische Rechtsordnung kennt so wie die meisten entwickelten Rechts­systeme das Prinzip der freien richterlichen Beweiswürdigung. Die Richterinnen und Richter sind also ganz frei darin, die ihnen präsentierten Beweise zu würdigen. Es gibt keine Beweisregeln, etwa dass Schriftstücke mehr Beweiskraft hätten als Zeugenaussagen. Auch kann das Gericht eine Verurteilung auf einen einzigen Tatzeugen stützen trotz mehrerer Alibi­zeu­gen, wenn es diese Alibizeugen für unglaubwürdig hält und dies auch be­gründen kann.[7]
Das Abwägen der Aussagen von Parteien und Zeuginnen und Zeugen bzw der sonstigen Beweismittel (Schriftstücke, Sachverständigengutachten usw) ist wohl die schwierigste Aufgabe der Richterin bzw des Richters. Bei der schriftlichen Urteilsausfertigung gilt vielen die Beweiswürdigung als anspruchsvollster Teil, schwieriger als die Feststellung des Sachverhalts und die rechtliche Würdigung der festgestellten Tatsachen. Nicht selten fin­den wir daher in der Beweiswürdigung bloße Leerformeln („war glaub­würdig“, „auf Grund seines glaubhaften Auftretens“, usw). Es ist nun ein­mal ein schwieriges Unterfangen, zu beschreiben, auf Grund welcher Ein­drücke und Wahrnehmungen man einem Menschen mehr glaubt und dem anderen weniger. Crainquebilles Richter machte es sich einfach: Aus dem Ablauf der Gerichtsverhandlung wird deutlich, dass er nicht geneigt ist, die verschiedenen Aussagen wirklich abzuwägen. Er glaubt dem Polizisten auf Grund von dessen Amtsstellung.
In der Erzählung selbst werden zwei denkbare Begründungen für die Hand­lungsweise des Richters entwickelt. In einem eigenen Abschnitt („Recht­fertigung für den Vorsitzenden Bourriche“) lässt der Autor zwei Prozessbeobachter, einen Laien und einen Rechtsanwalt, über das Vorgehen des Richters im Fall Crainquebille diskutieren. Der Laie, ein Kupferstecher als Vertreter des einfachen Volkes, nimmt den Standpunkt ein, dass der Rich­ter unabhängig jeder Überlegung, wer die Wahrheit gesagt habe, dem Polizisten als Amtsorgan zu folgen habe, und dass dies schon so seine Rich­tigkeit habe. Der Beamte sei eine staatliche Autorität, die ganz abstrakt für eine eigene Wahrheit stehe. Wir treffen wieder auf die Analogie zum Reli­giö­sen, wenn der Kupferstecher meint, das Gericht stütze sich
auf die Aussage des Beamten 64, der reine Vorstellung ist, so etwas wie ein auf den Zeugenstand gefallener Abglanz des Göttlichen. (...) Die Gesellschaft be­ruht auf der Macht, und die Macht verdient Achtung als die erhabene Grundlage jeder Gesellschaftsordnung. Die Justiz aber verwaltet die Macht (S. 45-47)-
Damit vertritt der Kupferstecher ein zynisches Verständnis von Recht­sprechung – die Justiz als bloßer Büttel der Herrschenden, als Vollzugs­organ der Regierenden. Der Richter dürfe nur folgendermaßen denken:
Die Starken entwaffnen und die Schwachen bewaffnen, das hieße die Gesell­schafts­ordnung ändern, die ich zu erhalten beauftragt bin. Die Justiz ist dazu da, die bestehenden Ungerechtigkeiten zu sanktionieren. Hat man je erlebt, dass sie sich gegen Eroberer gewendet oder neuen Machthabern im Wege gestanden hätte? Wenn eine ungesetzliche Macht entsteht, braucht sie nur von der Justiz an­er­kannt zu werden, schon ist sie gesetzlich. Die Form ist alles. Nur ein dünnes Blatt gestempelten Papiers trennt Verbrechen und Unschuld (S. 49).
Anders als der Kupferstecher sieht die Sache ein bei Crainquebilles Ver­handlung anwesender unbeteiligter Rechtsanwalt. Aber auch seine Ein­schätzung ist für den Richter nicht vorteilhaft:
Ich glaube nicht, dass der Herr Vorsitzende Bourriche sich zu einer so hohen Meta­physik aufgeschwungen hat. Ich glaube, er hat die Aussage des Polizei­beamten 64 ganz einfach deshalb als den Ausdruck der Wahrheit betrachtet, weil er es nie anders erlebt hat. In der Nachahmung müssen wir den Grund für die meisten Handlungen der Menschen erblicken. Wer sich an das Alther­ge­brachte hält, wird immer als ehrlicher Mann dastehen. Anständige Leute nennen wir die, die sich so verhalten wie die anderen (S. 51).
Tatsächlich ist die Bequemlichkeit eine Gefahr für jeden Berufsstand, nicht nur für die Richterschaft. Dennoch finden wir gerade in jüngerer Zeit auch Beispiele, in denen Richterinnen und Richter in ihren Urteilen aufzeigen, dass bestimmte gesetzliche Regelungen nicht mehr zeitgemäß sind oder gesellschaftlichen Grundwerten widersprechen. Die Gerichte haben unter anderem die Möglichkeit, Gesetze dem Verfassungsgerichtshof zur Prüfung der Verfassungskonformität vorzulegen. Fortschritte bei der Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partner, Anstöße zur Abschaffung des Ehebruchs als Straftatbestand oder zu einer gelasseneren Beurteilung des Cannabis­kon­sums sind in Österreich immer wieder aus der Rechtsprechung ge­kommen.
Aber zurück zu Crainquebille: Gerade in diesem Abschnitt der Erzäh­lung, der die Handlungsweise des Gerichts diskutiert, wird die Anknüpfung an die Dreyfus-Affäre deutlich:
Nur ein paar Querköpfe wollen, dass sie [die Justiz] menschlich und einfühlsam sei. Man übt sie nach festen Regeln aus und nicht mit mitleidigem Schauer und erleuchteter Intelligenz. Vor allem verlangen sie nicht von ihr, dass sie gerecht sei; das braucht sie nicht zu sein, weil sie die Justiz ist, ja, ich sage ihnen, die Vor­stellung von einer gerechten Justiz konnte nur in den Köpfen von Anar­chis­ten bestehen. (...) Der wahre Richter wägt die Aussagen nach dem Ge­wicht der Waf­fen. Das haben wir im Fall Crainquebille erlebt, aber auch in ande­ren, be­rühm­teren Fällen (S. 51).

Justiz und Polizei

Crainquebille wird zum Opfer eines Zusammenspiels von Polizei und Justiz. Die bösartige Unterstellung des Polizeibeamten wird vom Richter leicht­fertig, wohl wider besseres Wissen, zur Grundlage der Verurteilung von Crain­que­bille gemacht. Auch der heutigen Justiz wird es immer wieder zum Vorwurf gemacht, dass Amtspersonen, insbesondere Polizeiorganen, vor Ge­richt mehr Glaubwürdigkeit zugestanden werde, als Bürgerinnen und Bürgern. Tatsächlich verwenden Urteile in ihrer Beweiswürdigung immer wie­der das Argument, es sei nicht anzunehmen, dass ein Amtsorgan – ge­rade bei nicht so schwerwiegenden Angelegenheiten – durch eine falsche Aussage seinen Amtseid breche oder sein Amt missbrauche. Diese Denk­figur erscheint unbedenklich dort, wo Polizistinnen und Polizisten Zeugen (einer strafbaren Handlung) werden. Sobald Beamtinnen und Beamte aber direkt in den Fall verwickelt sind, ist Sensibilität angebracht. Wenn es etwa um behauptete Polizeiübergriffe geht, kann sich eine lebensnahe Würdigung der Beweise nicht einfach auf die Amtsstellung der Beamtinnen und Beam­ten stützen; der Antrieb, einer eigenen Verurteilung zu entgehen, ist durch­aus menschlich und wird alle erdenkbaren Verpflichtungen, die sich aus einer Amtsstellung ergeben, wohl aufheben. Das Verhältnis von Justiz und Polizei sollte auch heute ein Thema sein: Dass in Österreich Polizei­über­griffe allzuoft folgenlos bleiben, hat zuletzt ein Sonderbericht des Men­schen­rechtsbeirats aufgezeigt.[8]
Im Übrigen spielt die Polizei naturgemäß in jedem Strafverfahren eine gewichtige Rolle. In Österreich ist es seit mehr als hundert Jahren Praxis, dass die Polizei die strafgerichtlichen Ermittlungen weitgehend ohne Ein­wir­kungen der Justiz führt und das fertige Ermittlungsergebnis der Staats­anwaltschaft oder dem Gericht übermittelt. Die Entscheidung, welche Per­so­nen als Zeuginnen und Zeugen einvernommen, in welchem Stadium Haus­durchsuchungen oder Beschlagnahmen durchgeführt werden, lag bis­her weitgehend im Ermessen der Polizeibehörden. Mit dem ab 1. Jänner 2008 geltenden Strafprozessreformgesetz wird das strafrechtliche Vor­ver­fahren erstmals verrechtlicht. Die Staatsanwaltschaft hat nun den Auftrag, die strafrechtlichen Ermittlungen von Beginn an zu steuern. Überdies stehen alle Grundrechtseingriffe unter der Kontrolle des Gerichts.

Welche Wahrheit?

Gerichte müssen, bevor sie eine Entscheidung treffen, zuerst feststellen, was passiert ist. Diese Tatsachenfeststellung ist an sich eine zweifelhafte Auf­gabe; was sind schon Tatsachen, und gibt es nur eine Wahrheit oder gibt es nicht viele Wahrheiten über ein und dieselbe Angelegenheit? Der Kupfer­stecher, der Crainquebilles Verhandlung verfolgt hat, verwendet auch diese Problematik zur Verteidigung des Richters:
Sie werden zum Beispiel bemerkt haben, dass er die Aussagen nicht nach den unsicheren und trügerischen Anzeigen der Glaubhaftigkeit und des menschlich­en Wahrheitsbegriffs ordnet, sondern nach wesenhaften, unwandelbaren und greifbaren Anzeichen. Er wägt sie nach dem Gewicht der Waffen. Was könnte einfacher und zugleich weiser sein? Als unwiderleglich gilt ihm die Aussage eines Polizeibeamten, den er ganz metaphysisch als den nummernhaften Aus­druck für die Setzungen der idealen ordnenden Macht begreift. (...) In Wahrheit sieht er gar nicht Bastien Matra vor sich, sondern den Polizeibeamten 64. (...) Wir alle irren uns ständig. Gründe, uns zu irren, gibt es unzählige. Die Wahr­nehmungen unserer Sinne und die Urteile unseres Verstandes sind lauter Ur­sachen für Einbildungen und Anlässe für Ungewissheiten (S. 43-45).
Die Schwierigkeit, die Beweise zu würdigen, ist richtig erkannt – der Schluss, es sei einfacher und weiser, ganz einfach Amtspersonen zu glau­ben, freilich zynisch, und eine Folgerung, die den Rechtsstaat aus den An­geln hebt. Die Lösung kann nur in einem möglichst gewissenhaften Vor­gehen der Gerichte bestehen, in einer sorgfältigen Sammlung und Sichtung der zur Verfügung stehenden Beweismittel. Denn die Gerichte müssen entscheiden. Es fehlt ihnen die Möglichkeit, allzu diffizile Akten ins Feuer zu werfen, wie es eine von Anatole France in Crainquebille referierte Anekdote über die Schwierigkeit der Wahrheitsfindung nahelegt:
Als Sir Walter Raleigh im Tower zu London gefangen saß und wie gewöhnlich an dem zweiten Teil seiner Weltgeschichte schrieb, entspann sich einmal unter seinem Fenster eine Schlägerei. Er sah eine Weile zu, und als er sich wieder an seine Arbeit setzte, war er überzeugt, die Streitenden genau beobachtet zu ha­ben. Doch als er sich am Tag darauf über den Vorfall mit einem Freund unter­hielt, der dabei zugegen und sogar daran beteiligt gewesen war, widersprach ihm der Freund in allen Punkten. Da bedachte er, wie schwierig es sei, die Wahr­heit über ferne Ereignisse herauszubringen, wenn er sich schon bei dem getäuscht hatte, was sich unter seinen Augen zutrug, und er warf das Manuskript seines Geschichtswerks ins Feuer (S. 41-43).

Crainquebilles Untergang nach der Haft

Anatole France widmet insgesamt drei von acht Abschnitten der Erzählung den Folgen, die sich für den Gemüsehändler aus seiner Gerichtsverhandlung und der kurzen zweiwöchigen Haftstrafe ergeben. Die entsprechenden Über­schriften zu den Abschnitten 6 bis 8 lauten: „Crainquebille und die öffent­liche Meinung“, „Die Folgen“ sowie „Die Spätfolgen“.
Die Frage der Folgen und Wirkungen gerichtlicher Sanktionen haben bis heute Gültigkeit, durch die modernen Medien sind sie noch brisanter geworden. Allein schon die Tatsache, dass gegen jemanden Anklage er­ho­ben wird, oder er für einige Tage in Untersuchungshaft gerät, kann für den Betroffenen existenzielle Folgen haben. Es kann damit der Verlust des Ar­beitsplatzes verbunden sein, jedenfalls aber eine Einbuße an Ansehen. Ein späterer Freispruch gleicht in den meisten Fällen das entstandene Unheil nicht mehr aus. Ein aus­gewo­ge­nes Medienrecht und eine sensible Vor­gangs­weise der Justiz schaffen etwas Abhilfe.
Für den Gemüsehändler Crainquebille führt die kurze zweiwöchige Haftstrafe letztlich zur Existenzvernichtung. Die zu Unrecht erfolgte Ver­urteilung beschädigt das Vertrauen seiner Kunden, Crainquebille ist wirt­schaftlich vernichtet, er sinkt ab in Alkohol und noch tieferes Elend, als er es ohnedies sein Leben lang erfahren hat. Wenn wir von Justizirrtümern wie jenem im Fall Crainquebille einmal absehen, so ist doch die Ver­hän­gung einer angemessenen Sanktion für ein strafbares Verhalten eine wesent­liche Frage jedes Rechtssystems. Die vordringlichen Aufgaben des Straf­rechts sind nach heute herrschendem Verständnis die Resozialisierung des Täters, die Schadensgutmachung und der angemessene Umgang mit dem Opfer und nicht, wie früher, der Rachegedanke oder gar die wirtschaftliche oder sons­tige Vernichtung des Täters. Kurze Freiheits­strafen, wie sie über Crainque­bille verhängt wurden, sind schon lange als besonders ungünstige Strafform erkannt worden. Sie reißen, und das zeigt Crainquebille sehr gut, den Be­trof­fenen aus seinem Arbeitsprozess, mit allen schwerwiegenden Folgen, ohne irgendetwas zum Positiven hin verändern zu können. Bereits 1975 war es bei der großen Strafrechtsreform in Österreich eines der vordringlichen Ziele, die kurzen Gefängnisstrafen durch andere Sanktions­formen wie Geldstrafen zurückzudrängen. Das ist damals gelungen, in den folgenden Jahrzehnten bis heute ist der Anteil der kurzen Gefängnisstrafen aber wiede­rum gleich geblieben, trotz aller Versuche, diese Sanktionsform weiter zu­rück­zu­drängen. Noch immer sind zwei Drittel aller verhängten Gefängnis­strafen solche mit einer Dauer von unter sechs Monaten. Eine solche Zeit ist zu kurz, um während der Haft auf den Täter durch Therapien oder auf an­de­re Weise resozialisierend einzuwirken, Arbeits­umgebung und pri­va­te Be­zieh­ungen des Verurteilten werden aber nach­hal­tig und langfristig ge­­stört. Es ist anzunehmen, dass der Gesetzgeber nach Ein­führung der so ge­nannten Diversion (Tatausgleich usw) vor einigen Jah­ren auch in Zukunft Schritte unternehmen wird, um kurze Gefängnis­strafen zu­rück­zudrängen, und ande­re, konstruktivere Sank­tions­formen zu fördern.

Traurige Staatsmacht

Traurig und hoffnungslos zeichnet der Autor nicht nur die Situation Crain­quebilles als Justizopfer. Auch die Staatsmacht als Täterin steht traurig vor der Leserschaft, und France lässt auch ihr etwas Mitgefühl zuteil werden.
Am Ende der Erzählung versucht Crainquebille, dem Elend zu ent­kom­men, indem er einen Polizisten beleidigt, um wieder ins Gefängnis zu ge­langen. Er spricht nun einen Polizisten mit genau jenem Schimpfwort an, das ihm in der Verhandlung unterstellt wurde. Obwohl er das Schimpfwort mehrfach ruft, scheitert er wieder am Staat. Der Polizist, an den er diesmal ge­rät, reagiert nicht. Er steht unter einer Laterne, seine Erscheinung wird wie folgt beschrieben:
Seine Unbeweglichkeit hatte etwas Übermenschliches; das Spiegelbild seiner Stiefel auf dem nassen Bürgersteig, der wie ein See aussah, verlängerte ihn nach unten und ließ ihn von Ferne wie ein amphibisches Ungeheuer erscheinen, das halb aus dem Wasser ragte. Aus der Nähe hatte er mit seinem Kapuzenmantel und seiner Waffe zugleich etwas Mönchisches und etwas Soldatisches. Seine der­ben Gesichtszüge, die durch den Schatten der Kapuze noch vergröbert wur­den, nahmen sich friedlich und traurig aus (S. 75).
Anatole France beschreibt damit wohl das Frankreich während der Dreyfus-Affäre, wie er es erlebt hat: Kraftlos, unbarmherzig, gleichzeitig traurig und schicksalhaft verwoben mit religiösen und soldatischen Kräften.
Anatole France wurde sowohl von seiner Zeit als auch von der Nachwelt sehr oft als „mitfühlender Humanist“ beschrieben und als solcher geachtet. Dieser Einschätzung wird er mit der Erzählung von Crainquebille gerecht. Mit viel Einfühlungsvermögen zeichnet er das Schicksal des Gemüse­händ­lers, der zum Justizopfer wird: eine Erzählung und ein Autor, die eine Wie­der­entdeckung wert sind.

Literatur

Depenheuer, Otto (Hrsg). 2005. Recht und Lüge. Münster: LIT Verlag.
France, Anatole. 1984. Crainquebille, Les Juges intègres. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Thomas Baldischwieler. Stuttgart: Philipp Reclam jun.
France, Anatole. 1959. Die Götter dürsten. Nürnberg: Verlag Hans Carl.
France, Anatole. 1965. Die Schuld des Professors Bonnard. München: Wilhelm Gold­mann Verlag.
France, Anatole. 1977. L’Affaire Crainquebille – Der Fall Crainquebille. München: Dtv zweisprachig.
Kraus, Karl. 1987. Sittlichkeit und Kriminalität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Lajta, Esther Maria. 1995. Die Rezeption von Anatole France (1844-1924) im deutschen Sprachraum bis zu seinem Tod 1924. Universität Wien: Diplomarbeit.
Menschenrechtsbeirat im Bundesministerium für Inneres (Hg). 2007. Die Polizei als Täter? Eine Analyse des Umgangs staatlicher Institutionen mit Miss­hand­lungs­vorwürfen. Schriftenreihe Menschenrechtsbeirat – Band 3. Wien: Neuer Wissenschaftlicher Verlag.



[1]     Der Name dürfte nun gesichert sein; sehr lange wurde Anatole François Thibault als korrekter bürgerlicher Name des Schriftstellers gehandelt (vgl Lajta, 7).
[2]   Zitiert nach Lajta, 93.
[3]     Neue Freie Presse vom 14.10.1924, zitiert nach Lajta, 3, FN 3.
[4]     Die Seitenangaben der Zitate folgen der Ausgabe: Anatole France. 1977. Der Fall Crainquebille. München: Deutscher Taschenbuchverlag.
[5]     Der Autor dieses Beitrags konnte diese Aufführung in Paris sehen. In Österreich verfügt die Bibliothek des Österreichischen Filmmuseums über eine Kopie des Films, die man vor Ort ansehen kann – ich danke Silvia Thaller an dieser Stelle für das Aufspüren des Films in Wien.
[6]     Nachwort in: Anatole France, Crainquebille, Reclam, S. 69.
[7]     Man denke nur an den Fall des früheren österreichischen Bundeskanzlers Sinowatz, der 1989 – als Folge der Waldheim-Affäre – in einem Strafverfahren zu einer Geldstrafe ver­urteilt wurde; dies auf Grund der Aussage einer einzigen Zeugin, die im Widerspruch zu den Angaben vieler anderer Zeugen und der Verantwortung von Sinowatz stand (vgl http://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Sinowatz, Stand: 24.6.2007).
[8]     Menschenrechtsbeirat im Bundesministerium für Inneres (Hg). 2007. Die Polizei als Täter? Wien: Neuer Wissenschaftlicher Verlag.