26.08.2014

Erinnerung an Florian Flicker

Regisseur Florian Flicker stirbt mit 49 Jahren. Florian Flicker ist tot. (Quelle: dpa\EPA/STEFAN OLAH)
Quelle: EPA/STEFAN OLAH/dpa

Vor einigen Monaten, im letzten Winter, erreichte mich ein e-mail von Florian Flicker. Er sei Filmemacher, und für ein neues Projekt benötige er ein paar Hinweise eines Juristen. Ob ich ihn einmal treffen wolle?

Der geplante Film sollte die Strafverhandlung gegen einen Polizeibeamten nachzeichnen, der einen Jugendlichen erschossen hatte. Der 14-jährige Florian P. war im August 2009 nächtens mit einem Freund in einen Supermarkt in Krems eingestiegen. Die Polizei wurde verständigt. Ein vom Polizeibeamten Andreas K. abgegebener Schuss tötete Florian P.; zu einem Zeitpunkt, als der Jugendliche offenkundig vor der Polizei flüchten wollte. Die Familie von Florian P. erlebte, wie der Boulevard mit Häme über den Tod des Jugendlichen berichtete und Politiker kein Wort des Mitgefühls, geschweige denn der Entschuldigung fanden. In einem Aufsehen erregenden Strafverfahren wurde der Polizeibeamte schließlich zu einer bedingten Haftstrafe von acht Monaten verurteilt. Ebendiese Verhandlung wollte Florian Flicker verfilmen.

Mit dem Fall des Florian P. hatte ich mich früher bei anderer Gelegenheit befasst. Ich verabredete mich mit Florian Flicker kurzfristig im Café Bräunerhof. Der Name Florian Flicker war mir ein vager Begriff. Also googeln. Wikipedia zeigt eine eindrucksvolle Liste von Auszeichnungen. Darunter gleich zwei Mal der Große Diagonale Preis für den besten österreichischen Kinofilm, für Suzie Washington und Der Überfall. Eine DVD von Der Überfall bringt mir Florian Flicker ins Café Bräunerhof zu unserem ersten Treffen mit.

Im Café Bräunerhof sitze ich einem hellwachen und zugleich nachdenklichen Mann in den Vierzigern gegenüber. Florian Flicker hat eine ganze Liste an juristischen Fragen mit. Vor jeder Frage überlegt er, jede Antwort von mir bedenkt er. Über sein ernstes Gesicht huscht ab und zu ein verschmitztes, ein bubenhaftes Lächeln. Den Fall des jugendlichen Einbrechers und den Prozess gegen den Polizeibeamten, der den tödlichen Schuss abgegeben hat, kennt Florian Flicker bis ins Detail. Er hat mit vielen Prozessbeteiligten und den Angehörigen des Jugendlichen gesprochen. Ein Drehbuch für den Film existiert bereits. Die juristischen Fragen des Falles leuchtet Florian Flicker in jeden Winkel aus. Er führt die rechtliche Diskussion über den Fall auf höchstem Niveau. Wiewohl vom Schicksal des Jugendlichen erschüttert und von dieser Erschütterung zur Verfilmung motiviert, gelingt es Florian Flicker, sich in alle anderen Beteiligten des Falles, in Polizeibeamte, Staatsanwälte, Richter, Politiker, hineinzudenken und ihnen gerecht zu werden. Eine selten authentische Offenheit und Bemühung um Wahrhaftigkeit ist spürbar, und eine scharfe Beobachtungsgabe. Die Empathie für den Jugendlichen hindert Florian Flicker nicht daran, den Fall ruhig in alle Richtungen durchzudenken. Wenn auch nie ausgesprochen, so war klar, dass der Film dem posthum auf einen Einbrecher reduzierten und so entwürdigten vierzehnjährigen Florian P. Respekt erweisen sollte.

Ich habe Florian Flicker zwei Mal im Bräunerhof getroffen. Dazwischen haben wir uns über e-mail und am Telefon ausgetauscht. Er hat mir Einblick in seine Arbeitsweise gewährt und mir über seine Pläne für die Rollenbesetzung berichtet. Wir mussten über mögliche Besetzungen schmunzeln, als wir uns Hollywoodstars in den Rollen realer Personen vorstellten, die wir nun beide kannten. Und ich habe über Florian Flicker gestaunt: über die Akribie, mit der er für seine Projekte mitunter jahrelang recherchierte. Und darüber, dass er als (erfolgreicher) Künstler so völlig uneitel und unaffektiert war und sich Selbstzweifel erhalten hatte. Wir sind beim Sie geblieben, und dies nicht aus mangelnder Sympathie.

Wir hörten uns zuletzt kurz bevor das Förderungsansuchen für den Film in die zuständigen Gremien ging. In den folgenden Wochen und Monaten hatten wir keinen Kontakt mehr. Die Verbindung war zwar etwas abrupt abgerissen, doch ich erklärte es mir damit, dass das Projekt möglicherweise keine Finanzierung erhalten hatte. Ich hatte eine Scheu, aktiv nachzufragen.

Als ich vor wenigen Tagen in der Zeitung die Nachricht vom Tod von Florian Flicker lese, kann ich es nicht glauben. Die Meldung erscheint mir nicht real. Ich habe Florian Flicker nur flüchtig gekannt. Der selten tiefe Schmerz macht mir bewusst, wie einnehmend seine Persönlichkeit war. Die kurze Begegnung mit Florian Flicker hat genügt um zu erahnen, wie groß der Verlust für seine Angehörigen und für die österreichische Filmlandschaft sein muss.