13.10.2015

Schützenhöfer vor Gericht - Vernissage am 19. Oktober 2015

„Schützenhöfer vor Gericht“
Eine Werkschau am Bezirksgericht Meidling.

Einladung zur Vernissage am Bezirksgericht Meidling am Montag, 19. Oktober 2015 um 18.00 Uhr


„Schützenhöfer vor Gericht“ – den Titel der Ausstellung hat Josef Schützenhöfer selbst gewählt und damit gleich einen seiner Persönlichkeitszüge offengelegt: die feine Ironie, den spitzbübischen Humor. Schützenhöfer vor Gericht – das hat sich schon so mancher gewünscht, dem der Künstler mit seiner Hartnäckigkeit lästig geworden ist.

Josef Schützenhöfer, 1954 in Vorau in der Steiermark geboren, ist Anfang der 1970er-Jahre der Enge Österreichs in die USA entflohen, hat dort rund zwanzig Jahre verbracht, ehe er Mitte der 1990er-Jahre nach Österreich zurückkehrte. Er lebt nun in Pöllau, wo er künstlerisch arbeitet, aber auch zivilgesellschaftlich so markant tätig ist, dass man es bis Wien und weit darüber hinaus hört und sieht.

Als Vorsteher dieses Gerichts hat mich das an Jahrestagen reiche Jahr 2015 schon länger beschäftigt. 2015 ist es 70 Jahre her, dass Österreich vom Nationalsozialismus befreit wurde. Der österreichische Staatsvertrag liegt 60 Jahre zurück, der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 20 Jahre. Die lange Zeit des Friedens und der Demokratie, das Ankommen Österreichs im gemeinsamen Europa, soll Anlass sein, sich zu freuen, die hellen und dunklen Seiten des Landes zu reflektieren, zurückzublicken und vorauszuschauen. Als ich verschiedene Konzepte überlegte, um dieses Republiksjubiläum am Gericht zu thematisieren, stieß ich auf Josef Schützenhöfer, dessen Wirken mir seit Jahren immer wieder in den Medien begegnet war. Und schnell war mir klar: das Werk Josef Schützenhöfers passt perfekt in den Kontext der Justiz wie auch zu einer Feier von Befreiung und Demokratie. Dass nunmehr eine so große Ausstellung gelungen ist, ist der Großzügigkeit der ausleihenden Institutionen und Personen zu verdanken, in erster Linie aber dem Engagement und der Begeisterung des Künstlers für dieses Projekt in einem Gerichtsgebäude.

Josef Schützenhöfer hat das Jahr 1945 unbeugsam und seit langem als Jahr der Befreiung Österreichs benannt, als es von den meisten noch als Beginn einer Besatzungszeit (fehl)bezeichnet wurde. Das Liberation Art Project ist eine außerordentliche Verbindung von geschichtlicher Recherche und künstlerischer Umsetzung. Josef Schützenhöfer hat den Kampf und Kriegseinsatz der alliierten Verbände zur Befreiung seiner Heimatregion recherchiert, hat Schicksale nachvollzogen, Erinnerungskunst geschaffen und Befreiungskämpfer und ihre Angehörigen nach Österreich eingeladen. Er hat dazu beigetragen, die amerikanischen, britischen, französischen und russischen Soldaten endlich als Befreier zu sehen und die Befreiung im Jahr 1945 als etwas,  das Österreich mit Frankreich, Russland, den USA und dem Vereinigten Königreich für alle Zeiten freundschaftlich verbinden soll. Dem Liberation Art Project wird in dieser Ausstellung der ihm zukommende breite Raum eingeräumt.

Josef Schützenhöfer, das zeigt sich im Liberation Art Project wie auch in anderen Arbeitsbereichen, ist nicht nur Künstler, sondern auch Aufklärer. Immer recherchiert er akribisch, um dann zu berichten und je nach Sachlage auch zu fordern. Seine Informationen stammen nie aus zweiter Hand – immer ist er selbst vor Ort, sei es bei der Recherche in Museen, sei es vor Ort malend, mitten unter den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Werkstätte von Steyr Daimler Puch oder Siemens. So empathisch der Künstler sich den schweren Lebenswegen der Benachteiligten annähert, so beißend kann der Spott sein, den er über Mächtige, über politische Zyniker und Wirtschaftskriminelle ausgießt. Die Kreativität Josef Schützenhöfers hat Breite und Fülle, sie reicht für feine Zeichnungen, imposante Gemälde, für präzise Sätze im Gespräch und Poetik in seinen Texten.

Josef Schützenhöfer verkörpert eine Weltoffenheit, wie wir sie in Österreich viel zu selten, zuletzt aber öfter erleben können. Er ist in den USA wie in Europa zu Hause, er blickt permanent über den Tellerrand und muss so fast täglich in den Konflikt mit der kleinen Welt geraten. Der Bürger Schützenhöfer ist einer, der nachdenkt und nachfragt, mit dessen Direktheit Behörden oft nicht umgehen können. Wo er auf Dummheit und Bosheit stößt, dort hält er den Autoritäten den Spiegel vor.

Bei den Themen ist Josef Schützenhöfer immer am Puls der Zeit: er malt Flüchtlinge und er portraitiert Bettler, wenn diese von der Gesellschaft herabgewürdigt werden. Seine künstlerische Breite ist aus den Portraits des früheren Bundespräsidenten Klestil erkennbar; ein Bild wurde für die Hofburg angekauft. Doch auch wenn er für die Hofburg malt wird seine Kunst nicht elitär. Josef Schützenhöfer malt unter den Menschen und er stellt bevorzugt dort aus, wo sich eine möglichst bunte Menge von Menschen bewegt.
       

So bildet diese Werkschau nun das Herzstück der Veranstaltungen dieses Gerichts zum Republiksjubiläum. Josef Schützenhöfer hat eine Reihe von Themenabenden zu Befreiung, Flucht, Nachkriegsjustiz, Polizei und Europa mitkonzipiert, die im Laufe der Ausstellungszeit stattfinden. Ausstellung und Themenabende sollen ein Ganzes ergeben. Die Veranstaltungsserie will ein Zeichen der Öffnung der Justiz zur Gesellschaft sein, sie steht für den Wunsch nach der Begegnung mit der Zivilgesellschaft, für die große gemeinsame Anstrengung, die Demokratie zu festigen, Benachteiligte zu stärken und allen Menschen einen einfachen Zugang zum Recht zu garantieren. Die Kunst Josef Schützenhöfers liefert auf diesem Weg in ihrer Zugewandtheit zum Menschen die beste Orientierung.

Oliver Scheiber

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Das Bezirksgericht Meidling und das Bundesministerium für Justiz starten am 19.10.2015 eine Veranstaltungsserie zum Republiksjubiläum: 70 Jahre sind seit der Befreiung Österreichs vergangen, 60 Jahre seit Unterzeichnung des Staatsvertrags und 20 Jahre seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union.

Am 19.10.2015 um 18 Uhr findet die Vernissage zur großen Ausstellung des Malers Josef Schützenhöfer statt. Die Ausstellung ist bis Ende Mai 2016 zu sehen. Josef Schützenhöfer ist einer der bemerkenswertesten Künstler Österreichs. In der Tradition des narrative painting bearbeitet Schützenhöfer verschiedenste Themenbereiche, die sich mit den Anliegen der Veranstaltungsserie decken: Befreiung, Demokratie, Flucht, Autoritäten, geschichtliche Wahrheit, Zivilgesellschaft. Josef Schützenhöfer hat seine Kindheit und Jugend in der Steiermark und in Wien verbracht - mit einer starken Anbindung an den Bezirk Meidling. Anschließend lebte er rund 20 Jahre in den USA, ehe er nach Österreich zurückkehrte. Er lebt nun in Pöllau in der Steiermark.

Das Liberation Art Project hat überregional Beachtung gefunden: Josef Schützenhöfer hat die Wochen der Befreiung in Pöllau im Jahr 1945 recherchiert, die Namen alliierter Soldaten erhoben und ein Kunstobjekt zum Gedenken an die Befreiung geschaffen (es wurde von unbekannten Tätern mehrmals beschädigt und ist nun  am Gericht zu sehen). Josef Schützenhöfer hat sich außerdem intensiv mit der Lebenswelt der Arbeiterinnen und Arbeiter auseinandergesetzt und auch direkt in Fabriken gemalt. Er ist zudem der Urheber des offiziellen Portraits des verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch bei der Vernissage oder bei den diversen Begleitveranstaltungen der nächsten Monate. Alle Informationen finden Sie hier.






03.10.2015

Finissage von boatpeople: Bundesrichter Thomas Fischer im Gespräch mit Florian Klenk

Falter-Chefredakteur Florian Klenk führte zum Abschluss der Ausstellung boatpeople am 29.9.2015 ein Gespräch mit dem deutschen Bundesrichter und ZEIT-Autor Thomas Fischer.

Fischer geht in seiner Kolumne in der ZEIT mit der Justiz, aber auch mit Gesellschaft und Politik mitunter hart ins Gericht. Seit Jahresbeginn 2015 schreibt er jede Woche einen Kommentar für die Online-Ausgabe der ZEIT über Themen, die ihn bewegen: die Flüchtlingsströme, den Umgang mit der deutschen Vergangenheit, die Praxis der Strafjustiz. Die gesammelten Texte erscheinen demnächst als Buch ("Im Recht", Thomas Fischer). Durch seine Kommentare hat Fischer in Deutschland breitere Bekanntheit erlangt. In Fachkreisen war er schon bisher als Verfasser des maßgeblichen Kommentars zum deutschen Strafgesetzbuch bekannt.

Im Gespräch zeigte sich Fischer im Ton verbindlicher - ohne von seinen Kernaussagen abzuweichen. Mit kleinen, unbegabten, ungebildeten Dieben und Räubern mache die Justiz kurzen Prozess, in effizienten Verfahren würden harte Strafen verhängt, so Fischer. Ganz anders sei das bei der Wirtschaftskriminalität - da ginge im Verfahren wenig voran. Man könne Tatbestände jahrzehntelang problemlos anwenden - sobald eine hochrangige Persönlichkeit betroffen ist, werde von vielen auf einmal die Verfassungsmäßigkeit des Tatbestands in Frage gestellt, so Fischer. Man sehe dies an der Diskussion um den Untreuetatbestand des deutschen Strafgesetzbuches.

Mehr als 60 Besucherinnen und Besucher waren zu der in Kooperation mit SOS-Mitmensch und der Zeitschrift falter organisierten Veranstaltung gekommen.

Mein Dank gilt den Kooperationspartnern und Moderatorinnen und Moderatoren der Begleitveranstaltungen, vor allem aber dem Fotografen Markus Thums: eines seiner Flüchtlingsportraits hat Justizminister Brandstetter privat angekauft und bereits im Ministerbüro aufgehängt.

vlnr: Oliver Scheiber, Thomas Fischer, Florian Klenk




Bildübergabe im BMJ (vlnr): Markus Thums,
Justizminister Brandstetter, Oliver Scheiber

2. Begleitveranstaltung zu boatpeople: Best practices der Flüchtlingsaufnahme

Vom 13.8. bis 29.9.2015 war die Ausstellung boatpeople am Bezirksgericht Meidling zu sehen - der Wiener Fotograf Markus Thums hatte Portraits von in Wien lebenden Flüchtlingen, die mit Booten das Mittelmeer überquert hatten, angefertigt. Die Ausstellung wurde von drei Abendveranstaltungen umrahmt.

Am 22.9. begrüßte Maria Sterkl (Der Standard, Die Zeit) VertreterInnen von Initiativen, die sich in der Arbeit mit Flüchtlingen bewährt haben. Mahsa Ghafari stellte den Verein Flucht nach vorn vor - Jugendliche aus Wien gehen auf Flüchtlinge zu und unternehmen gemeinsam Freizeitaktivitäten. Der Verein hat den Ute-Bock-Preis 2015 von SOS Mitmensch erhalten.

Für das Wohnhaus Sidra des Arbeiter-Samariterbunds war dessen Leiterin Anita Fahrmann-Foidl gekommen. Das Wohnhaus beherbergt 30 minderjährige Flüchtlinge und unterstützt sie in der ersten Zeit in Österreich. Das Wohnhaus befindet sich in Meidling nahe der Philadelphiabrücke.

Dritter Gast war der Bürgermeister der burgenländischen Gemeinde Neudörfl, Dieter Posch. Er berichtete, dass seine Gemeinde seit mehr als 25 Jahren Flüchtlinge aufnehme. Die Gemeinde bemühe sich um aktive Integrationsmaßnahmen, so entfalle für Flüchtlinge die Gebühr für den Besuch des Kindergartens. Dieser Ansatz erfahre breite Unterstützung in der Bevölkerung, auch wenn immer wieder Skepsis auftauche. Das Neudörfler Beispiel stehe aber mittlerweile für eine aktive Aufnahme- und Integrationspolitik zahlreicher Gemeinden Österreichs.

Rund 40 Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, nach der Veranstaltung auch die Ausstellung zu besuchen.

Vlnr: Dieter Posch, Anita Jahrmann-Foidl, Mahsa Ghafari, Moderatorin Maria Sterkl