29.03.2018

Zwei Beispiele für die Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas


Zwei Beispiele zeigen, wie weit die vom Rechtspopulismus betriebene Vergiftung des politischen und gesellschaftlichen Klima in Europa fortgeschritten ist. In Niederösterreich wurden gestern zwei Asylwerber, einer aus Afghanistan, der andere aus Somalia stammend, vom Vorwurf freisprochen, ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. In (sozialen) Medien ergoss sich darauf ein Shitstorm über die Justiz. Der Freispruch sei unvertretbar und skandalös; eine ähnliche Wortwahl fand der Vizekanzler. Aus der Landespolitik verlautete, den beiden Männern werde die Grundversorgung gestrichen. Ich habe gestern mit einigen sonst durchaus reflektierten Menschen über das Urteil gesprochen; der Gedanke, dass junge männliche Asylwerber vom Vorwurf der Vergewaltigung eines einheimischen Mädchens freigesprochen werden, oder dass sie gar unschuldig sein könnten, scheint keine ernsthafte Möglichkeit mehr zu sein. Und es werden viele Aspekte völlig unsachlich und undifferenziert durcheinander geworfen. Natürlich sollte der Opferschutz in Österreich verbessert werden: es geht dabei nicht um die Strafen, sondern um die Rahmenbedingungen im Verfahren. Es soll nicht drei, vier, fünf Einvernahmen eines Opfers geben, sondern eine einzige, umsichtig und professionell durchgeführte und mit Video dokumentierte; das Opfers soll auf ganz einfache Weise Anzeige erstatten können, bestmöglich begleitet und geschützt werden. Hier soll und muss im Interesse der Opfer viel verbessert werden. Und umgekehrt dürfen wir die Rechte der Verdächtigen nicht über Bord werfen. Die Unschuldsvermutung ist ein zentrales zivilisatorisches Element des Strafverfahrens. Und es gibt gemeinsame Interessen von Verdächtigen und Opfern: etwa die rasche Durchführung des Verfahrens, um die emotionale Belastung so gering wie möglich zu halten. Bei der Diskussion über das Urteil wird auf vieles vergessen: auf den zentralen Grundsatz, dass im Zweifel freizusprechen ist. Der Freispruch bedeutet nicht, dass das Opfer nicht vergewaltigt wurde. Es bedeutet nur, dass die Richter nicht völlig sicher waren. Dieser Zweifelsgrundsatz gilt bei einer Vergewaltigung genau so wie bei einem Diebstahl oder Betrugsverfahren. Wir können diesen Grundsatz nicht aufgeben. Es war im Übrigen ein gemischter Senat aus Berufs- und Laienrichtern: es ist also auch müßig, aus diesem Anlassfall heraus ein Berufs- oder Laienrichterbashing zu betreiben. Und noch eines sollte man bedenken: keine Gruppe hat derzeit wohl vor österreichischen Behörden einen schwereren Stand als junge männliche Asylwerber. Diese Menschen sind stigmatisiert, sie haben es bei Wohnungs- und Jobsuche schwerer als andere, und genau so bei Behördenverfahren. Dass sie in einem Gerichtsverfahren unsachlich milde behandelt würden, ist absurd und lebensfremd. Studien belegen, dass ausländische Verdächtige von der Justiz strenger behandelt werden als österreichische Verdächtige.
Ähnlich instrumentalisiert wie das Strafverfahren in Niederösterreich wurde der Mord an einer jüdischen Holocaust-Überlebenden in Paris. Er wird zu einer weiteren Eskalation in der Hetze gegen Menschen muslimischen Glaubens genutzt. Und natürlich gibt es einen wahren Kern: einen Antisemitismus, der von islamischen Staaten, Politikern, Religionsführern genährt und betrieben wird; das ist genau so unerträglich wie antisemistische Haltungen, die seit Jahrhunderten in Europa bestehen. Jedenfalls: die Mehrheit der Menschen muslimischen Glaubens lebt friedlich in Europa. Der Antisemitismus, der in Europa zur Ermordung von Millionen Juden geführt hat, war genuin europäisch. Wir müssen jede Form von Antisemitismus und Gewalttat und all ihre Ursachen ganz entschieden bekämpfen, ohne daraus so plumpen Schlüssen wie der Ablehnung von ethnischen Gruppen, Religionen oder Migration an sich nachzugeben.
Derzeit ist offenbar jeder Anlass gut, um Minderheiten gegeneinander auszuspielen und auf schwache Gruppen einzuprügeln. Zu viele Politiker und Medien lassen sich darauf ein. Wir wissen aus der Geschichte, dass das ganz schnell ins Unheil für alle führt.

10.01.2018

Vor sieben Jahren mit Kafka am Bezirksgericht Meidling: Josua Rösing, Mira König, Tino Hillebrand, Johanna Wolff, Konstantin Shklyar

Im Sommer 2011 hat der damalige Regiestudent Josua Rösing am Bezirksgericht Meidling mit großem Erfolg Kafka inszeniert. In einer Kooperation von Bezirksgericht und Max Reinhardt-Seminar konnten wir die dramatisierte Fassung der Verwandlung insgesamt sieben Mal in einem ausverkauften Saal zeigen. 

Dass da etwas Außergewöhnliches gelungen ist, war damals spürbar. Die Berufslaufbahnen der ProtagonistInnen bestätigen das: Tino Hillebrand wurde sehr rasch zum Ensemblemitglied des Burgtheaters. Johanna Wolff ist am Landestheater St. Pölten zu sehen und regelmäßig im Theater in der Drachengasse in Wien. 

Mira König hat am Bezirksgericht ein grandioses Bühnenbild geschaffen, nun tut sie das unter anderem am Deutschen Theater in Berlin. Josua Rösing hat zuletzt in Regensburg und St. Petersburg inszeniert, derzeit ist seine Inszenierung von Ferdinand Schmalz` schlammland gewalt am Deutschen Theater in Berlin zu sehen (nächste Aufführung am 24.1.2018).

Johanna Wolff, Tino Hillebrand am Bezirksgericht Meidling 2011/2012

Thorsten Hierse, Caner Sunar, Olga Wäscher, Sebastian Deufel;
Inszenierung: Josua Rösing, Bühgnebild von Mira König.
Deutsches Theater Berlin 2018, Foto: Arno Declair, Deutsches Theater.


09.01.2018

Juridicum der Uni Wien zeigt Josef Schützenhöfers Gedenkbild für die Toten von Parndorf

Dekan Paul Oberhammer hat den Maler Josef Schützenhöfer eingeladen, das Bild "71" im Foyer der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien auszustellen. Seit heute steht das Bild dort und wird bis Ende Jänner zu sehen sein. (Schottenbastei 10-16, 1010 Wien, an allen Werktagen frei zugänglich)

Das Bild erinnert an den Tod von 71 Flüchtlingen in einem LKW bei Parndorf im Burgenland im Sommer 2015. Es war zuvor im Kunsthaus Graz und im Wiener Justizpalast zu sehen.

Josef Schützenhöfer lebt überwiegend in Pöllau/Steiermark. Er hat viele Jahre in den USA verbracht. In den Jahren 2015/2016 war eine Werkschau am Bezirksgericht Meidling zu sehen, zu der ein Katalog erschienen ist 



Ausstellungseröffnung am 8.1.2018 - Dekan Paul Oberhammer, Josef Schützenhöfer